Breaking the Spell?

O. bricht auf zu neuen Ufern, am Tag nach seinem Brutal-Besuch bei Dir. Ohne Wiedertschüss, ohne Tschau-Kakao entfliegt er nach Lanzarote, zusammen mit seiner Freundin. Während Du daheim in aller Stille Deine Blessuren pflegst. Ambulante Selbstversorgung hast Du drauf, bekanntlich. Du weisst, dass warmes Duschen gegen Prellungsschmerzen hilft. Du weisst, welcher Deiner Rollkragenpullis sich besonders weich um Deinen malträtieren Körper legt und die Strangulationsspuren an Deinem Hals am sichersten versteckt. Und Du weisst, dass gelegentliches Eiswürfel-Lutschen die Kehldeckelschwellung schneller zum Abklingen bringt. Erstmals machst Du jedoch Bekanntschaft mit dem Trauma-Erinnerungsvermögen, dem Schmerzgedächtnis Deines Körpers. Denn, obwohl O. Dich bei Eurem letzten Zusammentreffen NICHT ins Gesicht schlug, tritt in diesen Tagen eine blassviolette Schattierung rund um Dein linkes Auge auf. Ein gruseliger Widergänger des Veilchens vom 26. 2. 2016. Du schauderst, als Du DAS im Spiegel siehst …

Und natürlich schwörst Du Dir, Dich nun nie, wirklich nie wieder mit O. zu treffen, nach all dem, was Du in den zurückliegenden Wochen mit ihm erlebt hast. „Nie wieder“ denkst Du und glaubst fest, sehr fest daran. Auch, weil Du in diesen Tagen Gefühle in Dir entdeckst, die absolut nichts mit Liebe, dafür aber sehr viel mit deren Gegenteil zu tun haben. Zum Beispiel sehnst Du Dir ein Flugzeugunglück herbei, zwischen Deiner Stadt und Lanzarote, während O. mutmasslicherweise in den Lüften schwebt. Imaginierst rauchende Trümmer und Wrackteile, siehst Rettungshubschrauber über einer Cordillierenkette kreisen, hörst Alarmsirenen heulen und fühlst: Makabre Erleichterung. Dankbarkeit für die Befreiung vom Joch der toxischen Dynamik zwischen Dir und O. Und als Du Dich nach den Tagen des Wundenleckens zum ersten Mal wieder nach draussen wagst, stellst Du fest, dass Du Deine Stadt anders fühlst, siehst und riechst, mit dem Wissen dass O. sich weit weg von hier aufhält. Frei. Leicht. Einfach NORMAL.

Ohne die Bannkreise, außerhalb der Reichweite von O. karthographiert Deine Wohngegend sich innerhalb weniger Tage völlig neu. Plötzlich gibt es kein verbotenes Areal, keine tabuisierte Sphäre mehr zu passieren während Du in Parks und Strassen unterwegs bist. Du musst keine Angst haben, heimlich beschattet, ausspioniert, überwacht zu werden auf den Wegen, die Du gehst. Oder unversehens in eine bizarre Szenerie zu geraten, die Dein Inneres nachhaltig erschüttern würde. Erstmals erahnst Du, wie tief O.s Kontrollsystem in Deinen Alltag, Dein gesamtes inneres und äusseres Erleben hineinreicht. Und begreifst, warum er Dich bisher nie informierte über seine Ins und Outs-of-Town. Um Dich nicht aus dem Gefühl seiner Omnipräsenz zu entlassen. Die, wie Du nun erkennst, auch nur ein Konstrukt ist, wie so Vieles was mit O. zu tun hat. Du nimmst Dir vor, die Zeit seiner Abwesenheit für eigene Bewegungen durch den von ihm beherrschten Raum zu nutzen. Und damit ein Erleben für Dich selbst zu schaffen.

Am vierten Tag nach O.s Wegflug haben sich die Reste dessen, was an Schmerz von Eurer letzten Begegnung noch in Dir steckte, aus Deinem Körper zurückgezogen. Und auch Deine Psyche ist wieder einigermassen stabil. So kannst Du es wagen, im sonnigen Licht des Novembervormittags einen Ausflug in die verbotenste aller normalerweise verbotenen Zonen im O.-Niversum zu unternehmen: mit dem Fahrrad die kurze Strecke, die Du bisher nur als Stress-Piste, als Parcours der Qualen, als veritable Via dolorosa kennst. Als Opferweg. Oder als Strasse der Sehnsucht natürlich, an deren Ende Du hoffst, anzukommen bei der Seele von irgendwem. Zum Haus mit den vielen Bildern möchtest Du fahren. Um zu entdecken, wie es sich anfühlt, ohne Zeitdruck, nicht als Getriebene, Gehetzte, als Person mit Bring-Schuld dorthin unterwegs zu sein. Nicht in bizarrer Mission, mit Netz-Top unterm Pulli und Highheels im Gepäck. Sondern einfach nur als ganz normale Bürgerin Deiner Stadt. Unbehelligt. Unbefehligt. Ungestresst.

Auf den ersten Metern geht es noch recht gut. Du geniesst es, mit dem Rad durchs Sonnenlicht zu gleiten, in Deinem eigenen Tempo, gemäß Deinem eigenen inneren Plan. Auf der boulevard-artigen Alleestrasse, die Dein Wohnviertel mit dem von O. verbindet, erreicht Dich erstmals etwas von der Atmosphäre charmanter Buchläden und veganer Cafés, an denen Du bisher stets nur vorbei geprescht bist. Achtlos. Fokussiert auf das pünktliche Erscheinen bei O. An der grossen Kreuzung vorderhalb des Friedhofgevierts spürst Du jedoch, wie sich Dein Zustand unaufhaltsam ins Nervöse, Panikhafte wendet. Du hast das Gefühl nur noch im Zeitlupentempo voranzukommen, Deine eiskalten Hände umklammern verkrampft den Fahrradlenker während Stimmen in Deinem Kopf Dich antreiben, schneller, viel schneller zu strampeln und treten. Gleichzeitig wächst Deine Angst, gesehen, beobachtet oder gar mit dem Handy getrackt zu werden. Verschwitzt und hyperventilierend rettest Du Dich zur Parkbank kurz vor O.s Haus, wo Du innehältst.

„Fahr heim. O. ist zu mächtig“ denkst Du, während Du mit zurückgelegtem Kopf in die Kronen der alten Ahornbäume starrst und nach Luft ringst. Du fühlst das Zwingende, vollkommen Absolute des Näherungs-Tabus. In jeder Faser Deines Nervensystems. Dich ohne O.s ausdrückliche Erlaubnis von der Parkbank zum Haus mit den vielen Bildern hinzubewegen ist ein Kapitalvergehen allerersten Ranges. Du fühlst, dass Du von einer emporschiessenden Feuerlohe erfasst und in Sekundenschnelle zu Asche verglühen könntest, solltest Du es wagen, noch einen Schritt in Richtung Haus zu gehen. Du zögerst lange. Spürst der Gefährdungslage in Deinem Inneren nach. Erkennst langsam, sehr langsam, dass sie keiner Realitätsprüfung standhält, sondern Teil Deiner Verhexung durch O. ist. Die zu durchbrechen Du ja gerade hierher gekommen bist. Dann atmest Du durch, steigst aufs Rad und steuerst im Schritttempo über die kleine Stichstrasse zum Sakrosanktum von O., das weiss gleissend im Licht der Vormittagssonne vor Dir liegt.