You Want It Darker

Du verbringst also einen weiteren Tag im Stand-by-Modus. Wanderst benommen durchs Haus während Dein Mann und Dein Sohn draussen miteinander Fahrrad fahren. Sortierst Wäsche. Räumst Dinge aus dem Weg. Bemüht, alles vorzubereiten für die Visite von O. von der Du nicht wissen kannst, ob sie auch wirklich stattfinden wird, am Ende des Tages. Und wenn, dann ganz sicher nicht so wie im Chat herbeiphantasiert. Sondern anders als vereinbart, erwartet und Du es wollen, wünschen, Dir vorstellen würdest. Sexuelle Erfüllung? Klärende Gespräche? Erhellung der Dunkelheit? „Fail-Anzeige!“ denkst Du, während Du die Bettdecken im Schlafzimmer aufschüttelst und frisch überziehst. Es wird kein authentisches, lustvolles Stöhnen Deinerseits geben. Keinen Orgasmus. Keine Jouissance. Du wirst versuchen, unter O.s Stössen und Griffen einen Blick auf seinen Körper, seine Kleidung, sein Gesicht zu erhaschen. Um etwas von ihm, den Hintergründen seines Handelns zu erahnen. Und es wird, wie immer, vergeblich sein.

In der Nacht von Sonntag den 6. auf Montag  den 7. November wirst Du schon gegen 2h morgens wach. Unruhig. Ahnend. Witternd. Eine innere Stimme scheint Dir zuzuflüstern, dass etwas Schlechtes gegen Dich im Gange ist. Heimtückisch. Kalt. So fühlt es sich an. Nur kurz versuchst Du über Deine diffuse Beklemmung hinweg zurück zu finden in oberflächlichen Schlaf. Dann treibt Dein inneres Alarmsystem Dich aus dem Bett, hinunter in die Küche, wo Du Dich notdürftig bekleidet auf die Eckbank kauerst. Du entsperrst Dein Handy, das Du in Deiner verkrampften linken Hand mit nach unten gebracht hast und öffnest Deine Whatsapp-Chats mit O. Natürlich. Wie könnte es anders sein. „Oh ja! Oh ja! Oh ja!“ denkst Du, während Du auf das besonders hell fluoreszierende Display starrst. O. ist online. O. chattet. O. textet. O. schreibt. Und es sind sicher keine Bibelsprüche, die er munter nach draussen simst. „Sicher nicht“ denkst Du verbittert, legst das Handy beiseite und vergräbst Dein Gesicht in Deinen Händen.

Natürlich solltest Du jetzt ganz schnell wieder nach oben gehen und in Dein Bett zurückkriechen. Du solltest versuchen, noch ein wenig Schlaf zu bekommen. Und vielleicht, nein, ganz bestimmt sogar, solltest Du Dich in die Körperwärme Deines Mannes einkuscheln, der sich bestimmt freuen würde, Dich mal wieder zu spüren. Einsam darüber nachdenken was O. wohl mit irgendjemandem sextet? Nur wenige Stunden nachdem er DIR sein spezielles Beglückungsprogramm versprach? Hast Du das nötig? Im Grunde genommen könntest Du doch dankbar sein, wenn Dir ein neues, schwieriges Date, eine intime Begegnung aus Myriaden und Aber-Myriaden von Schmerzmomenten erspart bleibt. Aber. Die toxische Welt aus Angst, Trauer und Pein ganz einfach so zu verlassen ist zu dieser Zeit für Dich keine Option. Du kannst Dich nicht lösen aus dem schillernden Spiegellabyrinth, dem dunklen Kokon, der schwarzmagischen Falle in die O. Dich gelockt hat. Du bist und bleibst noch immer: zutiefst gebunden, verstrickt und fixiert.

Deshalb kuschelst Du Dich in der frühen Morgenstunde des 7. November 2016 nirgendwo ein. Sondern nimmst Dein Handy vom Küchentisch und entscheidest einzubrechen in O.s Dauer-Chat mit Wem-auch-immer. „Guten Morgen“ tippst Du. Ohne etwas Antwort-Artiges zu erwarten. Jedoch. „Passen“ – „Passt und dir?“ schreibt O. nach wenigen Sekunden. Ein bisschen unkonzentriert, na klar. Aber immerhin. „Ja“ tippst Du. „Bist im Wohnzimmer“ schreibt O. „Küche. Grade aufgewacht“ antwortest Du. „Was hast du an“ schreibt O. Nicht wirklich interessiert. Sondern weiterhin abgelenkt. „Nix. Nackt runtergegangen“ antwortest Du. „Komplett nackt?“ schreibt O. „Fast“ antwortest Du. „Foto“ schreibt O., nun rasch zwischen den Chats mit Dir und Wem-auch-immer switchend. „Moment“ antwortest Du und beeilst Dich ein schnelles Küchen-Nacktselfie zu erstellen. „Was wenn dein Mann oder dein Sohn wach werden“ schreibt O. nachdem er es hochgeladen und betrachtet hat. „Werden sie nicht“ antwortest Du. „Bist ne Oberschlampe“ schreibt O.

„Halt die Richtige für Dich, gell“ tippst Du. Krampfig bemüht, cool rüberzukommen. Möglichst unbeeindruckt von O.s noch immer parallel laufenden Chat mit Wem-auch-immer.  „Perfekt für mich“ schreibt O. „Magst es dir machen? Ich spiel auch grad an mir rum“ – „Ach so?“ tippst Du. „Ich reibe an meinem harten Schwanz“ schreibt O. „Und?“ tippst Du. „Spritze“ schreibt O. „Ich hätte es so gern auf meinem Körper“ textest Du. „Bin grad so geil“ schreibt O. „Ich auch“ lügst Du. Denn Du bist kein bisschen geil. Sondern einfach nur sehr, sehr angegriffen vom Verlauf des Chats und der bizarren Situation dieser Nacht überhaupt. „Lass es uns jetzt machen“ schreibt O. „Ich habe Angst es hört mich jemand“ antwortest Du. „Dann musst halt leise sein“ schreibt O.  Sein Chat mit Wem-auch-immer ist jetzt beendet. Die Doppelhäkchen hinter Deinen SMS werden sofort blau. Du atmest auf. „Aber Du wolltest doch dass ich Dich heute hinten küsse“ schreibst Du. „Willst warten“ tippt O. „Ja“ antwortest Du. „Ok“ schreibt O.

„Ab wann bist alleine?“ – „9.30h“ antwortest Du. „Ich wollte Dich fragen was ich anziehen soll“ – „Weisse Strümpfe. Rote Schuhe.“ schreibt O. „Ok“ antwortest Du. „Oder die schwarzen Schuhe und sonst nichts“ schreibt O. „Du wolltest doch das schwarze Netz-Top zerreissen“ wendest Du schüchtern ein. „Hast recht“ antwortet O. „Dann zieh die Schuhe an und das Top an!“ – „Ich hätte auch noch eine Jeans mit Löchern zum Kaputtreissen“ schreibst Du in peinlicher, blinder, vorauseilender Fügsamkeit. „Nein!“ antwortet O. gebläht vom Vollgefühl seiner Omnipotenz. „Ich bin am überlegen ob ich dich überhaupt auf mich setzen lasse. Vielleicht lass ich mich nur von dir lecken!“ – „Ok“ schreibst Du. „Also Beine nackt?“ – „Vielleicht behandle ich dich heute wie ne billige Schlampe“ legt O. nach. „Lass mich lecken und geh gleich wieder!!!“ – „Kannst Du ja“ antwortest Du. „Im Ernst?“ schreibt O. „Natürlich“ antwortest Du. Froh ein wenig Coolness zurück zu gewinnen. „Dann bekommst du wieder ne Krise“ schreibt O.

„Die bekomme ich sowieso!“ antwortest Du, nun Deinerseits hoheitsvoll. „Aber ich werde Dich nicht damit behelligen. Ich bekomme IMMER eine Krise nach Begegnungen mit Dir. Früher oder später fall ich in den Stunden danach immer in ein Loch.“ – „Wusste ich nicht“ schreibt O. „Ok. Dann weisst Du es jetzt!“ antwortest Du. „Ich fühle mich verlassen und zerrissen danach und kämpfe für den Rest des Tages mit den Tränen!“ – „Scheisse“ schreibt O. „Wenn du so schreibst dann würde ich dich gerne schlagen. Damit es noch heftiger für dich wird!“ – „Das wäre gut!“ antwortest Du. „Das würde mir helfen. Körperliche Schmerzen überdecken den seelischen Schmerz!“ – „Du bist echt heftig!“ schreibt O. „Wie hättest du es denn gerne mit den Schmerzen?“ – „Egal. Wie es sich ergibt“ antwortest Du. „Gesicht geht ja schlecht“ schreibt O. „Soll ja niemand was merken!!!“ – „Dir fällt schon was ein“ antwortest Du. „Wann kannst Du denn kommen?“ – „Entweder gleich vormittag. Oder Du kommst um 14.15h zu mir“ schreibt O.

„Eigentlich war ja vereinbart bei mir!“ tippst Du. „Dann kannst Du auch gleich wieder gehn!“ – „Genau. Das ist besser. Dann kann ich sofort wieder abhauen“ schreibt O. „Und ich habe es auch hinter mir!“ antwortest Du. „Bis später“ schreibt O. „Bis dann“ antwortest Du. Unter Aufbietung all dessen, was Du an Nonchalance in Dir hast. Viel ist es nicht. Aber erstaunlicherweise reicht es, um O. nochmal zu einer Antwort zu bewegen. „Und was wenn Ich ihn dir gar nicht reinstecke?“ textet er unvermutet. „Sondern mich wirklich nur lecken lass?“ – „Das wäre überhaupt kein Problem!“ antwortest Du. „Aber BITTE lass mich Dich heute sehen und etwas von Dir spüren!“ – „Dann bettle darum!“ schreibt O. „Ich flehe dich an! Auf Knien. Seit Wochen sehne ich mich danach!!!“ textest Du. „Mehr“ schreibt O. „Bitte hab Mitleid mit mir!!!“ tippst Du. „Mehr“ schreibt O.  „Ich leide weil ich so lang nichts mehr von Dir gespürt hab. Und Deinen wunderschönen Körper nicht sehen und berühren durfte!!!“ tippst Du.

„Bettle so richtig darum das ich mich auf dein Gesicht setze damit du mich lecken kannst“ schreibt O. Du hältst kurz inne. „Bitte setz Dich direkt auf mein Gesicht“ textest Du dann. „So dass ich keine Luft mehr bekomme!!! Und nur noch Deine zarte weisse Haut spüre und sehe!!! So eng dass ich gerade mit meiner Zunge noch etwas machen kann. So dass ich nichts mehr sehe und spüre ausser dem wie Du auf mir sitzst. Und bitte lass mich Dich küssen! Mit all der Liebe und Hingabe die ich für Dich in mir habe. Und es ist sehr viel Liebe in mir. Die will ich Dir geben auf diese Art!!!“ Für ein paar Sekunden herrscht Stille im Raum. „Oh Babe das ist gut so!“ schreibt O. dann. „Es ist die Wahrheit“ antwortest Du. „Ich melde mich später“ schreibt O. „Gern“ antwortest Du, legst das Handy beiseite und lauschst nach draussen. Es ist 7.16h. Oben im Badezimmer plätschert die Dusche. Dein Mann ist wach und viele andere Menschen haben längst ihr Tagwerk begonnen. Während Du mit O.s krankem Ego sinnlos rangst.

Später an diesem Tag kniest Du frisch gestylt auf dem Gabeh-Teppich im Wohnzimmer Deines Hauses und erwartest das Kommen von O. Du zupfst nervös an dem schwarzen Netz-Top herum dessen zartes Mesh-Gewebe Dich zurück triggert ins Jahr 2014. Zum ersten Deiner Besuche im Haus mit den vielen Bildern. Wo Du für den ersten Rim-Job Deines Lebens zum ersten Mal nackt auf der riesigen, schwarzen Designer-Couch lagst. Und eine seit Deiner Kindheit nicht mehr gefühlte Verlassenheit empfandest, während O. in den Fluchten seines Palastes unterwegs war um das Träger-Top für Dich zu holen. Denn, so lerntest Du damals, nur als Fetisch-Frau, nicht als Du selbst, würdest Du O. eine Art von erotischer Erfüllung geben können. Du fühlst Trauer und tiefes Bedauern in Dir während Erinnerungen an all Deine tragischen Nicht-Begegnungen mit O. Dich fluten. Dann schreckt ein schepperndes Geräusch an der spaltbreit geöffneten Haustür Dich auf. O. ist da. Und er verfährt heute absolut nicht zimperlich mit Dir.

Ein eigenartig geformtes Stahlrohrgestell aus verzinktem Metall das O. trophäengleich vor sich her trägt und mit ausdrucksloser Miene auf Deinem Wohnzimmerteppich platziert, spielt eine Rolle bei diesem Date im Herbst 2016. Ebenso wie der breite Ledergürtel aus O.s Jeans sowie einige Kabelbinder, die er rein zufällig in einer der Innentaschen seiner schwarzen Fleece-Jacke mit sich führt. Das Netz-Top über Deiner Brust ist nach Bruchteilen von Nano-Sekunden vollkommen zerstört. Wie all die Striemen, Einblutungen, Schürf-, Kratz- und Bisswunden binnen kürzester Zeit ihren Weg auf Deinen Körper finden, ist weder während es passiert, noch später nachvollziehbar. O. explodiert. O. eskaliert. O. berserkert über Dich hinweg, ganz einfach so. Phasenweise hast Du Angst um Dein Leben, während O. sich Lege Artis an Dir vergeht und dabei immer wieder hervorstöhnt, wie sehr Dir Miststück recht geschieht mit alldem. Du selbst kannst nur röcheln unter dem Ledergürtel, der eng, viel zu eng um Deinen Hals liegt.

Nachdem er zum Ende gekommen ist, schlüpft O. in seine Jeans und paradiert in Deinem Wohnzimmer umher, während Du hustend auf dem Boden liegst und versuchst, die Gürtelschnalle in Deinem Nacken zu lösen. „Das Flaschenkastenregal schenke ich euch!“ ruft er Dir beiläufig zu. „Hab zu Hause aufgeräumt und brauch es nicht mehr!“ – „Danke“ murmelst Du  und nimmst aus der Froschperspektive wahr, wie O. sich an dem Beistelltisch neben der Couch zu schaffen macht, auf dem einige Deiner Lieblings-CDs liegen. „You Want It Darker“, die aktuelle, im Angesicht des nahen Todes eingesungene Abschieds-Setlist des moribunden Poeten Leonard Cohen zieht O. magisch an. Wieder und wieder lässt er seine Finger durch das beiliegende Booklet und über die Ränder des CD-Covers gleiten, als wollte er etwas von dessen Energie abstreifen und in sich aufnehmen. „Der stirbt bald“ raunt er zu sich selbst bevor er die CD zurück legt. „Ja. Ihm geht’s sehr schlecht“ sagst Du. „Genau“ antwortet O. und seine Augen schimmern.

Wenig später, allein zurückgelassen in Deinem Haus, erfährst Du aus den Mittagsnachrichten des Küchenradios, die Singersongwriter-Legende, der Welt-Künstler Leonard Cohen sei tot.