Variations of Fury, Part 2: The Lock-Out

Am Freitag, den 4.11.2016 beginnt morgens erstmal alles wie immer. Gegen 6h früh schreckst Du aus den üblichen schwierigen Träumen, die Du um diese Uhrzeit sehr oft hast, seitdem Du mit O. zusammen bist. Du ziehst unter der Bettdecke Dein längst zum O.-Tamagotchi gewordenes Smartphone hervor, das Du stummgeschaltet Nacht für Nacht an Deinem Körper, direkt bei Dir mit der linken Hand behütest und versuchst mit noch schlafverklebten Augen zu erkennen, ob zwischen Dunkelheit und Morgengrauen eine Nachricht von ihm kam. Vorsichtig. Langsam. Damit Dein neben Dir erwachender Mann nichts von alldem bemerkt. Bingo. „Guten Morgen“ schrieb O. um 3.13h. „Guten Morgen“ tippst Du. Und kannst nur denken: „Shyce!!! MAL WIEDER eine Chance im Rattenrennen um O.s Gunst verpasst. MAL WIEDER zu lang, zu tief, zu fest geschlafen. Zur falschen Zeit. Am falschen Ort. MAL WIEDER zu spät dran für einen coolen Chat. MAL WIEDER selbst schuld, an O.s Strafgericht des Schweigens, das nun unweigerlich folgt. Mal wieder …

Wie immer in solchen Situationen arbeitet Dein Gehirn auf Hochtouren. Es scannt die imaginären Wände des Schweige-Knasts ab nach einer durchlässigen Stelle, sei sie auch noch so klein. Vergebens. Kein Lichteinfall, nirgends. „Magst Du mich heute besuchen?“ tippst Du schließlich und lauschst beklommen in die Stille. Sie lastet genau 114 quälende Minuten. Dann lässt O. Milde walten. „Heute nicht“ schreibt er um 7.54h. „Ich fliege am Dienstag mit Lolo für 10 Tage nach Lanzarote und muss deshalb noch viel erledigen!“ – „Oh! Das wusste ich ja gar nicht!“ antwortest Du. „Dann sehen wir uns wohl danach erst wieder?“ – „Ich komme am Montag“ schreibt O. nach ein paar Minuten. „Ab wann bist du allein zu Hause?“ – „Ca ab 9h“ antwortest Du. „Ok“ schreibt O. „Bekomme ich noch ein sexy Foto von dir?“ – „Na klar“ antwortest Du und schickst ihm einige Ansichten Deines tätowierten Rückens vor dem goldgerahmten Spiegel im Wohnzimmer Deines Hauses. Erleichtert. Auch wenn O. sich natürlich nicht dafür bedankt.

„Immerhin“ denkst Du, während Du in Deiner Teetasse rührst. Immerhin Kontakt. Und sogar eine Perspektive. Viel wert, nach dem verstolperten Start in den Morgen. Du atmest durch. Beginnst zu überlegen, was Du nun anfangen könntest mit dem vor Dir liegenden Tag. In die Stadt fahren? Dessous kaufen? Nachmittags schnell ein paar Bilder machen? Und so dafür sorgen, dass alles „gut“ wird zwischen Dir und O.? „Oh ja“ denkst Du. Da piept Dein Handy erneut. Im O.-Klingelton. Aber eigenartig verzerrt. Schrill. Dir schwant nichts Gutes während Du es hektisch entsicherst und aufs Display schielst. Tatsächlich. „Bitte schreib mir die nächsten Stunden nicht!!!!“ hat O. getextet. „Kann mein Phone nicht sperren!“ – „Hatte ich eh nicht vor“ schaffst Du zu tippen bevor ein massives Gefühl von Schock, Lähmung, aber auch von Wut sich ab der Brustregion durch Deinen ganzen Körper ausbreitet. Du hältst den Atem an. Wartest. Auf eine Erklärung. Einen Hinweis. Jedoch. Natürlich. O. schreibt nicht nochmal zurück.

Es gelingt Dir, Dich an O.s demütigendes Verdikt zu halten. Zähneknirschend. Ingrimmig. Über den ganzen, langen, herbstlichen Tag hinweg. Du zwingst Dich, nicht den Kopf zu verlieren. So fassungslos Du auch bist. Du WEISST, dass Du einer besonders heimtückischen und harten Form der Schweige-Folter unterzogen wirst. „Prior Warning Silent Treatment“ ist der Begriff, den der britische Narzissmus-Blogger H. G. Tudor dafür geprägt hat. Vor-angekündigtes Zu-Tode-Schweigen einer anderen, als Opfer auserkorenen Person. Um Angst, Verwirrung, maximalen emotionalen Stress in deren Innerem zu erzeugen. Sie in Dilemmata und seelische Konflikte zu stürzen. Und so perfekt zu kontrollieren. Es ist das erste Mal, dass O. von diesem perfiden Tool Gebrauch macht, Dir gegenüber. Warum? Warum gerade jetzt? überlegst Du, während Du Dein Handy fixierst wie das Kaninchen die berühmte Schlange. Du hoffst inständig, dass der Spuk vorüber geht, wenn Du Dich ruhig verhältst. Doch in den Abendstunden justiert O. nach.

Gegen 20.30h. Du machst gerade noch Ordnung in der Küche. Da dringt O.s Klingelton in die friedliche Geräuschkulisse um Dich herum ein. In das leise Rumpeln der Geschirrspülmaschine, den Sound des Küchenradios, die Stimme Deines Sohnes, der von oben nach Dir ruft. „Cool“ denkst Du, während Du Deine Hände am Trockentuch abwischst, bevor Du nach dem Handy greifst. „Silent Treatment ausgesessen!“ Jedoch. „Ich habe das Gefühl das Lolo mein Handy kontrolliert!!!“ hat O. getextet. „Bitte schreibe mir in den nächsten Wochen nicht mehr!!! Ich signalisiere dir wann es geht das wir uns schreiben können! Aber bitte schreibe nicht mehr!!! Also gar nicht ok?“ Du benötigst ein wenig Zeit, um die Dimension dieser brutalen Ansage zu erfassen. „Bitte sei nicht böse!“ textet O. indessen weiter. „Wir können uns schon noch schreiben aber nur wenn ich dir grünes Licht gebe!!! Wenn ich schreibe du sollst dich nicht melden dann bitte halt es ein!!!“ Du röchelst, innerlich. „Ich geh weg von Whatsapp ok?“ schreibst Du dann.

„Nein musst du nicht!“ antwortet O. und tippt einen Kussmund dazu. „Aber wenn ich mit Lolo unterwegs bin dann schreibe ich es dir und dann darfst du mir nicht schreiben!!! Ich erkläre dir warum wenn wir uns am Montag sehen!“ – „Ok“ tippst Du. „Danke“ antwortet O. „Ich versuche das Richtige zu machen!“ tippst Du. „Einfach nicht melden wenn ich es dir schreibe ist das richtige!“ antwortet O. „Willst Du Dich von mir trennen?“ tippst Du, in wilder Sorge. „Nein! Ich liebe dich!“ antwortet O. „Wirklich?“ tippst Du. „Ja!“ antwortet O. „Und jetzt hör bitte sofort auf zu schreiben!!! Ich muss mich auf dich verlassen. Oder ich muss dich blockieren!“ – „Ok“ tippst Du und legst das Handy brav beiseite. Den Rest des Abends verbringst Du allein am Küchentisch. Kaltgestellt. Paralysiert. Gegen 24h gehst Du zu Bett, wo Du Dich unruhig herumwirfst weil Dich tausend Fragen überfluten. Als Du frühmorgens hochschreckst und aufs Handy schaust, ist O.s Profilbild verschwunden. Er hat Dich über Nacht blockiert.

„Ok. Das also ist das Ende“ denkst Du, während Du Dich in Deinem zerwühlten Bett zurecht setzst und durch die halbtransparenten Schlafzimmergardinen hinaus starrst in die Leere des kalt und grau heraufdämmernden Novembermorgens. Nicht NUR verzweifelt. Sondern auch erleichtert, die von O. ersonnenen Dressurakte via Whatsapp nun nicht mehr absolvieren zu müssen. Du nimmst Dir vor, ES ganz schnell zu akzeptieren. Ohne auch nur einen Versuch, gegen die Blockade anzurebellieren. O. würde nur darauf warten. Und Bestätigung, Antrieb, negative Energie daraus ziehen. Diesen Triumph willst Du ihm nicht gönnen. Du versuchst, nach vorn zu schauen. Machst Samstags-Brunch mit ganz besonders leckeren Pfannkuchen für Deinen Mann und Deinen Sohn. Gehst Fahrradfahren und geniesst es, die nasskalte, klamme Luft im Gesicht und auf Deinen bloßen Händen zu spüren. Überlegst, Grundlegendes in Deinem Leben zu ändern. Einen Job zu suchen, beispielsweise. Um jemanden wie O. nicht mehr zu brauchen. Um frei zu sein.

In der Nacht von Samstag auf Sonntag schläfst Du erstaunlich gut und wirst erst gegen 7h wach. Dein Handy fühlt sich verändert an, als Du es – rein habituell natürlich – von der Kommode herab zu Dir ins Bett ziehst. Schwerer, irgendwie. Angefüllt mit mehr Gewicht. Tatsächlich. O. hat die Blockade aufgehoben, stellst Du fest, nach dem Entsperren. Und nicht nur das. Er hat sich auch gemeldet. „Guten Morgen. Können wir uns ein bisschen schreiben?“ textete er um 5.51h. „Js“ tippst Du mit unkoordinierten Fingern. „Schick mir Fotos“ schreibt O. direkt zurück. „Bitte. Ich brauche das jetzt. Und willst du mich morgen hinten lecken?“ – „Hast Du denn noch vor mich zu besuchen?“ fragst Du. „Ja“ antwortet O. „Ok“ tippst Du. „Du setzst dich auf mich und holst es dir“ schreibt O. „Und dann leckst du mich!“ – „Ok“ antwortest Du. „Ich schreibe dir dann morgen früh was du anziehen sollst“ tippt O. „Und noch was. Wenn es gefährlich wird blocke ich deinen Kontakt!“ – „Das habe ich gesehen!“ antwortest Du.

„Für Anrufe und SMS bist du jetzt dauerhaft gesperrt“ schreibt O. „Ist das ok für dich?“ – „Ja“ antwortest Du. Denn es hätte ja doch keinen Sinn, aufzubegehren gegen diese ganz besonders fiese Form der Ausgrenzung aus O.s Leben. „Tut mir leid das ich dich nicht vorgewarnt habe“ schreibt O. „Es kam sehr plötzlich“ antwortest Du. „Das hat mich natürlich geschockt. Ich habe mir grosse Sorgen gemacht!“ – „Schick mit jetzt endlich Bilder!“ schreibt O. „Ok“ antwortest Du und wählst ein paar Netztop-Selfies für ihn aus. Eine Pause entsteht. „Kann ich dir das Oberteil kaputt machen?“ schreibt O. dann. „Ja. Es war das erste was Du mir zum Anziehen gegeben hast!“ antwortest Du. „Würde es dir gerne an den Brüsten aufreissen“ schreibt O. „Gern“ antwortest Du. „Leckst du mich morgen ganz intensiv?“ schreibt O. und Du fühlst Bedürftigkeit durch das Handy zu Dir dringen. „So intensiv wie noch nie“ antwortest Du. „So richtig mit deiner ganzen Zunge?“ schreibt O. „Ja. Mach ich“ antwortest Du.

„Und du musst stöhnen!!“ schreibt O. „Ganz laut!“ – „Das werde ich sowieso“ antwortest Du. „Danke“ schreibt O. „Und bitte versuche zu kommen wenn du auf mir sitzst!“ – „Ok“ antwortest Du. „Ich freue mich sehr darauf!“ schreibt O. „Ich mich auch“ antwortest Du. „Nur gestern war ich so geschockt dass ich gar nichts mehr empfinden konnte!“ – „Tut mir leid. Bitte versuche morgen wieder geil zu sein!“ schreibt O. „Ich will das du morgen meine megageile Schlampe bist!!!“ – „Dann werde ich es bestimmt auch sein“ antwortest Du. „Wie lange bist du eigentlich schon am Rücken tätowiert?“ will O. unvermutet wissen. „Zwischen 2006 und 2012 hab ich alle Tattoos stechen lassen“ antwortest Du. „Und was hat dein Mann dazu gesagt?“ fragt O. „Nicht viel“ antwortest Du. „Da hast du aber Glück du Schlampe!!!“ schreibt O. und Du hast ganz plötzlich das Gefühl von einer Kobra am Hals gepackt zu werden. „Wenn ich dein Mann wäre hätte ich dir das ganz sicher nicht erlaubt!!! Ich hätte dich sogar richtig verdroschen!!!“

„Warum denn das?“ tippst Du verstört. „Einfach so!!!“ schreibt O. „Bist ne Schlampe die es verdient hat!“ Dann verschwindet O.s Online-Schriftzug und Du weisst, dass der Chat unwiderruflich zu Ende ist. Mit Deinen verwirrten, aufgewühlten Gefühlen musst Du ganz allein zurecht kommen. Wie immer. Auf die immer gleiche Weise. Indem Du Dich zurückziehst. Aus allen Gesprächen, allen Kontakten, seien sie real oder virtuell. Eine imaginäre Abschirmwand errichtest zwischen Dir und Deinem Mann und Deinem Sohn. Im Phantom-Modus mit ihnen interagierst. Dich immer dichter einwebst in Deinen unsichtbaren, mentalen Kokon. Dort mit dem Handy offline gehst. Und Dich durch Deine jeweils aktuellsten Chats mit O. scrollst. An irgendeinem ruhigen Ort im Haus. Oder draussen auf einer Parkbank. Du klickst und klickst. Versuchst zu begreifen. Zu durchblicken. Im Reich der Dunkelheit. Im Territorium der Intransparenz. Zählst Smileys, Kussmünder, rote Herzen. Suchst Antworten, Zeichen, Beweise für irgendein echtes Gefühl. Findest: Nichts.