The Old Lady, Part 2

Am Freitag den 2.9.2016 parkt O., der von Deinem Aha-Erlebnis am Grabstein seiner Mutter natürlich nichts ahnt, früh am Morgen seinen mit allerlei Gerätschaften vollgeladenen SUV vor Deinem Haus. Um die oft versprochenen und ein ums andere Mal verschobenen Strauchschnitte in Deinem Garten durchzuführen. Nur wenige Stunden bevor Dein Mann und Dein Sohn von der Ferieninsel zurück sind. Anders als im Sommer 2015 erlebst Du an diesem Tag jedoch keinen energiegeladenen Heckenscherenvirtuosen mit Yedi-Ritter-Attitüde zwischen Büschen und Bäumen. O. trägt vielmehr etwas betont Interesseloses, Phlegmatisches zur Schau, als er seinen Blick über Deine hellgrünen Leinen-Shorts und den halbtransparenten weissen Slub-Pulli schweifen lässt, bevor er durchs Wohnzimmer nach draussen geht und dort den Motor seines Heckentrimmers anwirft. „Mit nicht-ehelichen Verpflichtungen geht heute nix!“ ruft er Dir zu. „Hab gestern lange gefeiert und zu viel Rotwein erwischt. Passt, oder?“ – „Passt“ antwortest Du.

Natürlich würdest Du sehr gerne fragen. Gefeiert? Zu welchem Anlass? Wo? Mit wem? Einfach so, wie Du jeden Deiner Freunde fragen würdest. Weil Du Interesse hast für O. und sein Leben. Weil es NORMAL wäre, etwas wissen zu wollen von jemandem, den Du liebst. Und der behauptet, Dich ebenfalls zu lieben. Und weil es schön wäre, ein wenig miteinander zu plaudern. Über Events und Feierorte in Eurer Stadt. Die Leere von O.s Worten mit Farben zu füllen. Und sich dadurch besser kennenzulernen. Jedoch. O. gegenüber fühlt es sich NICHT normal an, ein solches Gespräch zu beginnen. Sondern indiskret. Taktlos. Vollkommen unangebracht. Du wärst nur eine Person, die ihre Nase in Dinge steckt, die sie nichts angehen. Und auch O. zu fragen ob er irgendwas braucht. Ein Aspirin. Eine Tasse Kaffee. Ein Croissant. Verbietet sich irgendwie von selbst. Du kannst nur untätig auf der Terasse herumstehen und dabei zuschauen, wie O. sich ein wenig schwerfällig durch Deinen Garten bewegt. Und dabei ab und zu pupst.

Was ja ganz witzig wäre. Würde, ja würde es von O. nicht so ostentativ zelebriert. „Sorry Kleine!“ ruft er Dir zu, als er bemerkt, dass Du Dich abwendest und ins Haus gehen willst. „Aber so ein hammergeiler Zwiebelrostbraten im besten Slow-Food-Restaurant der Stadt und dazu dieser Wahnsinns-Rotwein den sie da extra für mich immer entkorken – das geht nun mal nicht spurlos vorbei!“ – „Ist doch ok!“ rufst Du zurück. „Magst Du Kaffee?“ – „Auf keinen Fall!“ antwortet O. „Ich ziehe mich bald zurück! Bin einfach nicht fit! Ich mach die Hecke auf Deiner Gartenseite noch fertig. Den oberen Teil und die Seite beim Nachbarn schneid ich ein anderes Mal. Und das Schnittgut passt leider nicht mehr bei mir ins Auto mit rein. Gibt’s jemanden der dir helfen kann es zum Wertstoffhof zu fahren?“ – „Ich kann einen Freund heute nachmittag fragen!“ antwortest Du. „Na wunderbar!“ ruft O. „Vielleicht magst ja dann auch gleich noch mit ihm ficken? Ich erlaub es dir jedenfalls!“ – „Bestimmt nicht!“ antwortest Du.

„Schade!“ ruft O. und vollführt einen Sprung in die Schnittgut-Tonne um dort Platz für neu hinzukommende Thujenzweige zu schaffen. Quicklebendig, ganz plötzlich. Fast elektrisiert von der Idee, es könnte heute noch Sex geben zwischen Dir und einem anderen Mann. „Ich würds geil finden wenn  du sowas ab und zu machst!“ – „Jaja“ antwortest Du. „Aber das ist zur Zeit einfach kein Thema für mich!“ – „Na wenn dir die paar Ficks im Jahr mit mir genügen“ tönt O. und hopst begeistert im Grünschnitt-Container herum, „dann ist das natürlich ein tolles Kompliment für mich!“ Er strahlt Dich aus seinen langwimprigen Augen unter dem Schutzhelm heraus an. Beifallheischend. Kokett. Vollkommen überzeugt von sich selbst. Ein einsichtsloses, verblendetes Kind. Unaufhaltsam in seinem Tun. Du zwingst Dich zu lächeln. „Alles gut, O.“ bringst Du hervor. „Tragen wir nachher zusammen die Leiter durchs Haus?“ – „Die kann doch noch stehen bleiben bis ich die Hecke fertig mach, oder?“ pokert O. „Klar!“ antwortest Du.

O.s Profi-Arbeitsleiter. Massiv. Robust. Auf drei Meter Höhe ausziehbar. Aus hellrotem Industriekunststoff und pulverbeschichtetem Leichtmetall. Versehen mit grossen, chromblitzenden Sicherheitsschliessen und Arretierungsbolzen aus Edelstahl zum Auseinanderhalten der 8 cm breiten Holme. Ein weiteres Exponat von O.s waffenstarrender Welt. Lange, wirklich sehr lange verbleibt sie in Deinem Garten. Aufgeklappt vor der halb fertig geschnittenen Hecke. Mitten im Grün. Ganz so, als wäre O. jeden Moment da, um seine begonnene Arbeit zu vollenden. Jedoch. Es verstreichen viele verheissungsvolle Tage im schimmernden Oktoberlicht. An denen es schön wäre, sich zu sehen. Sich Dinge zu erzählen. Und einträchtig miteinander zu arbeiten. Wie gute Freunde. Best buddies. Aficionados. Partners in crime. Aber bekanntlich seid Ihr das alles nicht, Du und O. Ihr seid kein Team. Und Freunde seid Ihr schon gar nicht. Und falls Du das im Oktober 2016 NOCH IMMER nicht begriffen haben solltest, so lernst Du es jetzt.

„Babe, du kannst dich diesmal auf mich verlassen!“ schreibt O. am 6.9.16 auf Whatsapp. „Ich bringe deinen Garten auf Vordermann! Momentan muss ich leider der Lolo viel helfen. Aber bald komm ich wieder zu dir!!! Dann garteln und ficken wir schön miteinander ok?“ – „SO gerne!“ antwortest Du. Ganz im hingebungsvollsten Carezzando Deiner schönsten, unbeschwertesten Chats mit O. Auch wenn Du mit dem Herzen nicht mehr richtig dabei bist. Du möchtest O. noch einmal vertrauen. Daran glauben, dass es Reste von nicht-krankheitsbedingten Empfindungsweisen in ihm gibt. Wenn schon  nicht Freundschaft oder gar Liebe zu Dir, dann vielleicht so etwas wie Handwerker-Ehre? Eine Art von Respekt gegenüber Deinem Mann? Der die monumentale Arbeitsleiter auf seinem Grundstück ja nicht wirklich begeisternd finden MUSS? Oder Pflichtbewusstsein in Bezug auf Deinen Nachbarn, der nachfragt wann die Hecke auf seiner Gartenseite zu Ende geschnitten wird? Kurz: Verantwortungsgefühl für die Realität in der Du lebst?

Dass Kategorien der Verbindlichkeit für einen Menschen mit pathologisch aufgeblähtem, grandiosem Ego keine Relevanz besitzen, ist Dir bekannt. Teil eines in Dir selbst schlummernden Narzissmus scheint es jedoch zu sein, das nicht einfach hinnehmen zu wollen. Und so lässt Du Dich WIDER BESTEN WISSENS ein weiteres Mal auf O.s Spiel mit Deinen Hoffnungen und Träumen ein. Zeigst Verständnis. Übst Dich in Geduld. Wahrst Dein Gesicht. An jedem neuen Morgen, wenn O.s trügerische, katzenfreundliche Hinhalte-Sms Dein Handy fluten. Oder sein unmotiviertes Schweigen Dich in Verwirrung schmeisst. Bestellst im Netz ein asymetrisch geschnittenes Bodycon-Minikleid aus schimmerndem, nude-farbigem Rayon-Satin. Trägst es zu schwarzen und dunkelroten Highheels. Zu unterschiedlichen Statement-Colliers, die vor der Selfie-Kamera Deines Handys blinken. Inszenierst Dich auf den Bildern als starke, coole Frau, der eine stehengelassene Leiter in ihrem Garten nichts anhaben kann. Und O.? Na, O. setzt natürlich einen drauf.

Am Morgen des 17.10.2016 schaltest Du um 6.57h Dein Handy ein und wirst auf Whatsapp von einem schemenhaften Bild empfangen, das in Sekundenbruchteilen das Gefühl tiefster Getroffenheit in Dir auslöst. NOCH EHE Du es hochgeladen und genau betrachtet hast. Es zeigt: Schaumige weisse Kleckse auf Eichenparkett. O.s morgendliches Abspritzergebnis. O.s O.-Nanat. Kommentarlos gesendet um 5.41h. Instinktiv weisst Du: als Kompliment an DEINE erotischen Qualitäten ist das Foto nicht gedacht. Aber Du möchtest Dir keine Blösse geben. So nimmst Du Dein Handy und schreibst: „Oh schön. Schade dass ich nicht wach war als Du es gemacht hast!“ O. antwortet nicht. Du spürst, wie das Knäuel schlechter Gefühle in Deiner Magengrube sich entrollt und in einzelnen Fäden Dein Inneres durchzieht. Du schreibst: „Es ist schön das Bild zu sehen. Und gleichzeitig macht es mich traurig. Nur Du kannst mit einem einzigen Bild so viele unterschiedliche Gefühle in mir auslösen. Das werde ich immer bewundern. Alles Liebe U.“

Zwei volle Tage lastet das Schweigen. Erst am 19.10. meldet O. sich um 6.28h wieder bei Dir. „Guten Morgen Kleine!“ schreibt er, während Du in Deiner Teetasse rührst. „Hab den Tiguan zum Reifenwechsel gebracht und fahr jetzt mit dem Bus zurück. Schade dass du früh am Tag nie raus kannst. Wir hätten es vorhin schnell im Auto machen können!!!“ – „Tut mir leid!“ antwortest Du. „Nicht schlimm!“ schreibt O. gönnerhaft. „Ich komm ja bald zu dir und mach den Garten fertig. Dann können wir uns auch kurz spüren!“ – „Oh schön“ sekundierst Du. „Ich möchte dich im sexy Outfit sehen und in dich eindringen!!!“ schreibt O. „Ich brauche dich und diese Welt in der ich mit dir lebe!“ – „Ich auch!“ antwortest Du und fühlst etwas Nachgiebiges, Warmes sich in Dir ausbreiten. „Allein unser morgendliches Schreiben trägt mich oft schon durch den Tag!“ tippst Du. „Ich möchte das niemals missen!“ Du lehnst Dich zurück und atmest den unverhofften Moment emotionaler Verbundenheit ein. Da schreibt O. erneut.

„Wäre es sehr schlimm für dich wenn ich auch mal mit einer anderen ficken würde?“ textet er. „Oder würdest du es mir erlauben?“ – „Oh nein. Nicht schon wieder!“ denkst Du und fühlst das Ekelgefühl vom April in Dir hochsteigen, als O. von seiner Romanze mit der Brustkrebs-Patientin schrieb. Du zwingst Dich, ruhig zu bleiben. Kämpfst es nieder. „Verbieten kann ich Dir das ja eh nicht, oder?“ antwortest Du dann. „Nein!“ schreibt O. „Aber wäre es ok für dich? Oder nicht?“ – „Ich lebe immer mit dem Gedanken dass Du auch mit anderen Frauen zusammen bist“ antwortest Du. „Ich habe keine andere Frau!!!!“ schreibt O. mit gespielter Entrüstung. „Aber ich frage dich ganz ehrlich ob ich mit einer anderen darf!“ – „Die Vorstellung tut mir natürlich weh“ antwortest Du. „Es ist die ältere Dame“ schreibt O. „Ich könnte heute zu ihr kommen. Darf ich?“ – „Ist die wirklich 63?“ fragst Du. „Die ist schon fast 70!“ schreibt O. „Ich hab sie damals falsch verstanden“ – „Und das bringts Dir?“ fragst Du.

„Sie ist wirklich sehr erotisch!“ eifert O. „Und sie LIEBT es mir einen zu blasen! Vorher setzt sie sich immer auf mich… sie kommt dann paarmal!!! Und dann will sie blasen! Sie sagt sie hatte noch bei keinem anderen Typen öfter hintereinander nen Orgasmus!!!“ – „Das ist ja toll!“ schreibst Du, nicht ohne Ironie. „Schau“ schreibt O. unbeirrt weiter. „Das hat sie mir geschickt!“ Im Chatfenster Deines Smartphones erscheint das Bild einer sehnigen, gebräunten Frauenhand mit langen, grell-dunkelorange lackierten Fingernägeln. Sie zerrt einen BH aus gerafftem Gold-Lurex nach unten, so dass zwei …., zwei etwas …, nun ja, zwei doch etwas durchhängende Brüste mit unnatürlich hoch aufgerichteten Nippeln sichtbar werden. Oberhalb schillert ein hochgeschobenes Pailletten-Shirt in toxischem Grün. Für Sekunden scheinen ganze Schwaden von schwerem, süßlichem Billigparfüm durch Deine Küche zu wabern. Aufdringlich. Unfrisch. Vollkommen morbid. Du musst Dir kurz die Nase zuhalten. Doch dann hast Du Dich wieder im Griff. „Cool“ schreibst Du.

„Und? Darf ich? Erlaubst du es mir?“ schreibt O. „Du bist ein freier Mann und mir keine Rechenschaft schuldig!“ antwortest Du. „Ich habe Dir nichts zu erlauben oder zu verbieten!“ – „Ich kann es auch lassen wenn dir das lieber ist“ tippt O. und sein Schreiben fühlt sich plötzlich ein wenig kleinlaut für Dich an. „Du musst es mir sagen! Ich richte mich nach dir!“ – „Mach was Du tun willst und was Dir gut tut“ antwortest Du. „Soll ich paar Fotos von ihr machen wenn sie einverstanden ist?“ schreibt O. und Du spürst förmlich, wie sehr er nach einer wunden Stelle in Deinem Inneren sucht, durch die Deine verletzten Emotionen hervorbrechen könnten. „Ja mach das ruhig“ antwortest Du. „Vielleicht kann ich ja noch was dazulernen wenn ich die Bilder seh!“ – „Ich mache nur von ihren Brüsten und Muschi welche“ schreibt O. „Die ist nicht so offen wie du. Sie will halt nur ab und zu mal ficken!“ – „Dann mach ihr doch die Freude!“ tippst Du. „Und jetzt entschuldige bitte. Ich muss jetzt aufhören zu schreiben!“

Du fühlst, dass Du mit Dir zufrieden sein kannst, als Du nach dem Ende dieses Chats durch die Terassentür hinausgehst um im Garten ein wenig frische Luft zu schöpfen. „Gut gemacht. Cool geblieben“ denkst Du. Da piept Dein Handy erneut. „Schick mir ein Video von dir! Jetzt bitte“ schreibt O. „Dann wichse ich. Und fahre nicht zu ihr!!!“ – „Das geht leider nicht!“ antwortest Du. „Ich mache gerade Ordnung im Garten!“ – „Schick mir Bilder du geiles Stück!“ schreibt O. „Ich brauche das jetzt!!!“ – „Später vielleicht!“ antwortest Du. O. schreibt nicht mehr zurück. Erst um 18.07h piept Dein Handy wieder. Mit dem Klingelton von O. „Ich hab mich nicht mit ihr getroffen“ schreibt er. „Ok“ antwortest Du und sendest ihm ein Bild von Deinem Gesicht, das ein wenig melancholisch lächelt. „Danke mein Engel“ schreibt O. „Bitte“ antwortest Du. Dann kuschelst Du Dich auf dem Sofa zurecht und betrachtest lange das schwülstige Erotik-Selfie der notgeilen Seniorin im Harem von O. „So arm“ denkst Du und lehnst Dich zurück.