Thousandfold

O.s tausendfach stärker gewordene Liebe zu Dir zeigt sich am Mittwoch den 15. März 2016 zunächst einfach nur in einem besonders harten Beischlafprogramm. Ohne die wortreich im Chat beschworenen Zärtlichkeiten. Dafür mit Kratzspuren auf Deinem Rücken. Mit einer weissen Netzstrumpfhose, die sich bald nur noch in streifigen Fetzen um Deine Fussknöchel ringelt. Mit Schubsern. Mit Stössen. Mit unbarmherzigen Griffen. Mit heiser und fremd hervorgestöhnten Worten, die in einem verzerrten Lachen untergehen, während O. Dich frontal auf dem Wohnzimmersofa nimmt. „Es war so geil dich zu schlagen!!!“ hörst Du es aus ihm herausbrechen. „Ich hab beim Wichsen am nächsten Tag dauernd dran gedacht!!!“ Besonders deutlich zeigt sich O.s tausendfach stärker gewordene Liebe an diesem Tag jedoch in dem Geschenk, das er Dir eindringlich lächelnd überreicht, bevor er geht. Eine Design-Papiertüte mit signalroter Hochglanzbeschichtung. Darin: 50.- Euro. Sowie ein schneeweisses und ein pechschwarzes Marken-Herrenhemd.

Nur Stunden später, als Du in Deine Wolldecke gehüllt auf der Couch sitzst und versuchst, Dich von O.s Besuch ein wenig zu erholen, zeigt sich seine tausendfach stärker gewordene Liebe erneut. „Passen die Hemden?“ schreibt er um 17.43h. „Ich hab sie ganz ordentlich zusammengefaltet und versteckt!“ antwortest Du. Aufgestört von O.s Bruch mit seinen sonstigen postkoitalen Gepflogenheiten. „Ich zieh sie morgen an für Bilder. Sie passen bestimmt!“ O. schweigt. „Vielen vielen Dank dass Du hier warst!“ tippst Du mit zittrigen Fingern. O. antwortet nicht. Sein Schweigen reißt Dir das Herz auf. Und all Deine mühsam gebändigten Gefühle brechen daraus hervor. „Weisst Du eigentlich“ tippst Du, „dass es nur eine einzige Erfahrung für mich gibt die vergleichbar ist mit dem was ich durch Dich erlebe? Die Geburt von meinem Sohn. Dieser Moment in dem ich dachte dass ich sterbe – den fühle ich sehr oft mit Dir. Und deshalb brauche ich Dich so!“ O. antwortet um 21.47h. „Hey. Bin sprachlos!“ schreibt er.

Natürlich machst Du sehr viele Bilder für O. in den Tagen und Wochen nach diesem Date. Nahezu täglich kniest oder liegst Du im Schlafzimmer auf Deinem Bett, verdrehst und verrenkst Dich in immer neue Positionen, lächelst kokett oder blickst sehnsuchtsvoll in die Selfiekamera Deines Handys und fotografierst Deinen Körper in den Extremfarben Schwarz oder Weiss. Im Licht der Spaltung. Im Kolorit der Borderlinepersönlichkeit, das keine Schattierungen, keine Nuancen kennt. Im Reich der tiefsten Schwärze und der strahlendsten Helligkeit. Über das alleine O. gebietet und entscheidet, zu welcher Sphäre Du gerade gehörst. Zu O.s 47. Geburtstag Anfang April trägst Du das weisse Herrenhemd über dem schwarzen und fotografierst es zusammen mit weissen, halterlosen Strümpfen und schwarzen, perlenbesetzten Schuhen. O. ist begeistert als Du ihm die Bilder in den ganz frühen Morgenstunden sendest. „Danke mein wunderbares Goldstück!“ schreibt er. „Noch nie hat eine Frau mich so glücklich gemacht wie Du!“

Seine tausendfach stärker gewordene Liebe zu Dir via Whatsapp zu beschwören – dessen wird O. nicht müde in den Vorfrühlingswochen des Jahres 2016. Frühmorgens. Nachts. Tiefnachts. Und wieder frühmorgens besingt er die Intensität Eurer Verbindung. Mit ungebremstem Pathos. Hemmungslos. „Wir beide haben zueinander finden MÜSSEN!!! tippt er beispielsweise am 9. April 2016 um 3.55h. „Du und ich … das ist Perfektion!!!“ – „Ja!“ antwortest Du schlaftrunken mit dem Handy unter der Bettdecke. „Ich liebe dich über alles!!!“ schwelgt O. weiter. „Sowas geiles wie dich… hätte nie gedacht das es so etwas gibt!!!“ Du suchst nach Worten. „Bin wohl für Dich bestimmt!“ tippst Du dann. „Ja Babe!“ antwortet O. „Du bist einfach mit Worten nicht zu beschreiben!!! Und die zukünftigen gemeinsamen sexuellen Erlebnisse werden unsere intime Verbundenheit NOCH stärker werden lassen!!! Ich kann es jetzt schon kaum mehr erwarten das ich dir endlich deine Haare abrasieren darf!!!“ In diesem Ton geht es Nacht für Nacht …

So könntest Du also sehr glücklich sein in dieser Zeit im Frühjahr 2016. Könntest Dich geliebt und umsorgt fühlen. Gebadet in der immer wieder neu bekundeten tausendfach stärker gewordenen Liebe von O. Jedoch. Im Lauf der Wochen erlischt der magische Glanz von dem, was er Dir anbietet und schreibt. Und fühlt sich nur noch fadenscheinig und banal an. Unecht. Lieblos. Trotz aller Beteuerungen. Kurze Dates. Schnelle Ficks. Irgendwo zwischen Dunkel und Geröll. Rumfummeln in der Garage während Lolo schläft. Kurz Küssen im Auto. Unterm Mantel bei der Parkbank Deine Brüste spüren. Quicki-Modus. Auf nen Stoss vorbeikommen. Das ist die erotische Nomenklatur von O.s tausendfach stärker gewordener Liebe bei Tag. Genauso wie der Ton seiner Absagen wenn die Verabredung an Alltagswidrigkeiten scheitert. Leider kein Glück. Hätte Dich gerne von hinten genommen. Aber Lolo hat Lymphknotenmassage und will das ich sie begleite. Freunde kommen. Wir schauen fern. Schade. Ja wirklich, denkst Du. SEHR schade.

Du bestellst einen neuen Catsuit im Internet. Signalrot. Mit Spaghettiträgern. Gekreuzten Bändern über der Brust und Cut-Outs im Taillenbereich. Du trägst ihn zusammen mit den signalroten Highheels und dem Statement-Collier aus glitzernden Fake-Türkis-Steinen. Und machst am 12. April 2016 viele Bilder von diesem Outfit für O. Um den Grauschleier zu zerreissen, der seit Wochen über allem liegt, was Du fühlst und tust. Um gegen die Lähmung, das Gefühl der inneren Ausgehöhltheit vorzugehen, das Dich seit Tagen beherrscht. Vor allem seitdem Du bemerkt hast, dass O. rund um die Uhr online ist. Nahezu pausenlos jemandem schreibt. Während er Dich, die er bekanntlich mit tausendfach stärker gewordener Intensität liebt, floskelhaft abfertigt. Die heiteren, frühlingshaften Farben stehen Dir gut. Auf den Bildern ist nicht zu erkennen, wie blass und traurig Du in Wirklichkeit aussiehst. Gegen Abend schickst Du sie O. „Geil!“ antwortet er. Und setzt seine anderen Chats fort. Bis tief in die Nacht.

Du weisst, dass Du cool sein und einfach drüber stehen solltest. Dich abwenden. Andere Dinge tun. Aber Du bist viel zu sehr gefangen im Netz der Sehnsüchte und der trügerischen Hoffnungen, in das die nächtlichen Chats mit O. Dich eingewoben haben. Du kannst den ganzen Abend lang nichts anderes tun, als mit pochendem Herzen aufs Handy zu starren und O.s Online-Aktivität zu beobachten. Wie paralysiert. Wie ein dressiertes Tier. Stundenlang. Als der Online-Schriftzug weit nach Mitternacht endlich erlischt, schämst Du Dich vor Dir selbst für das erbärmliche Wesen was aus Dir geworden ist. Jedoch: Schlimmer geht immer. Nachdem Du nämlich ein wenig gewartet hast, um sicher zu sein, dass O. nicht nochmal auf Whatsapp zurückkehrt, nimmst Du dein Handy und schreibst: „Ich muss Dir was sagen. Es tut mir total weh wenn ich sehe dass Du mit wem anderen so viel chattest. Ich denke dann immer dass Du einer anderen Frau ganz tolle liebevolle Sachen mittteilst. Und dass ich nur ein Notnagel für Dich bin.“

Du schluckst. Atmest durch. Und, nachdem die Schleusentore nun einmal geöffnet sind, schreibst Du weiter. Von Deinen Gefühlen, Ängsten und Sorgen. Deiner Traurigkeit. Deinen Zweifeln an Dir selbst. Obwohl Du genau weisst, dass O. nichts anderes als einen Angriff sehen wird in dem, was Du verfasst hast. Und genauso ist es auch. Als Du gegen 5h morgens aus unruhigem Schlaf hochschreckst und aufs Handy schaust, siehst Du, dass O. Deine Nachrichten gelesen hat. Geantwortet hat er jedoch nicht. „Guten Morgen!“ tippst Du beklommen. „Es war bestimmt alles total dumm was ich vor ein paar Stunden geschrieben hab. Sorry!“ – „Was soll ich da drauf noch antworten?!?!?!“ schreibt O. „Ich weiss es nicht“ tippst Du. „Schreibst Du denn manchmal einer anderen Frau? Zum Beispiel gestern spätabends? Das ist doch eine ganz einfache Frage, oder? Mit einer ehrlichen Antwort könntest Du all meine Zweifel aus der Welt schaffen!“ Du wartest. Dann antwortet O. „Ganz ehrlich“ schreibt er. „Das geht dich NICHTS an!!!!“

„Und wenn dir das nicht passt“ schiebt er nach einigen Minuten hinterher, „dann brauchst auch keine Bilder mehr schicken! Hab eh vollauf genug davon!!!“ – „Das wollte ich jetzt auch nicht mehr!“ tippst Du, bevor imaginäre, gefühlte Dunkelheit über Dir zusammenschlägt. „Alles Liebe für den Tag!“ schaffst Du noch zu tippen. Um wenigstens einen Rest Coolness für Dich zu retten. Dann beeilst Du Dich, Whatsapp zu verlassen. Schiebst das Handy unter Deine Bettdecke. Verkriechst Dich in Deine Kissen. Möchtest versuchen, noch ein wenig Schlaf zu bekommen, bevor es an der Zeit ist, Deinen Sohn zu wecken. Und diesen neuerlichen Beweis von O.s tausendfach stärker gewordener Liebe erstmal verkraften. Da piept das Handy erneut. „Schick mir sofort Bilder du Schlampe!“ schreibt O. „Ich bin gerade total geil und brauche das jetzt!!!!“ – „Ich hab keine neuen“ antwortest Du. „Dann geh ins Bad und mach welche!!!“ schreibt O. „Beeil dich!!! Du weisst hoffentlich was für dich auf dem Spiel steht!!!“

Nachdem Du, gehorsames Mädchen, das Du bist, im Licht der Morgendämmerung einige verschwommene Badezimmer-Selfies von deinem unausgeschlafenen Gesicht und Deinem bettwarmen Körper für O. gemacht und ihm geschickt hast, herrscht zunächst vollkommenes Schweigen. Erst gegen 10h, als Du Dich einigermassen im Tag zurecht gefunden hast und mit einer Tasse Tee am Küchentisch sitzst, piept Dein Handy erneut. „Danke für die geilen Bilder!“ schreibt O. „Bin super gekommen!!!!“ – „Das freut mich!“ antwortest Du. „Du bist einfach die geilste aller geilen Ladies!“ schreibt O.  „Und du bist auch nach wie vor die Einzige … Ich schreibe nur abends einer Mitpatientin von der Lolo! Sie hat sich mit ihr während der Chemotherapie angefreundet und ist ab und zu bei uns auf Besuch“ – „Schon gut!“ antwortest Du. Beschämt. Und gleichzeitig erleichtert. „Aber es ist total abgefahren … “ tippt O. weiter. „Sie hat auch einen Freund … Aber stell dir vor … sie will was von mir …“ Du erstarrst innerlich zu Eis.

„Da heisst es immer die Typen wären so schlimm“ schreibt O. und Du kannst fühlen, wie sehr er es geniesst, Dir diese Worte ins Handy zu träufeln. „Aber Junge Junge! DIE hat mir schon Angebote gemacht!!!“ – „Ist sie in Dich verknallt?“ fragst Du. Alarmiert. Krampfhaft bemüht, ruhig zu erscheinen. „Ich glaube ein bisschen“ antwortet O. „Mit ihrem Freund scheint es nicht so gut zu laufen! Und ich denke mir das sie wohl auch Bestätigung braucht. Sie möchte das ich sie unbedingt mal alleine am See draussen besuche! Und sie würde total gerne mit mir knuddeln und knutschen!“ Du ringst nach Luft. „Willst Foto von ihr haben?“ schreibt O. „Ok“ tippst Du mühsam und kneifst unwillkürlich die Augen zu. Als Du sie wieder aufreisst, erblickst Du im Display Deines Handys das Bild einer schlanken, etwa 50jährigen Frau mit sehr kurzen, grauen Haaren. Sie trägt grosse, eindrucksvoll schimmernde Perlohrhänger und lächelt schelmisch aus hellen, blauen Augen in die Handykamera ihres Gegenübers.

Gekleidet ist diese Frau, die ihre Chemofrisur trotzig und stolz dem Licht der Frühlingssonne darbietet, in eine zart gemusterte, langärmlige Bluse und eine hellbeige Trekkinghose. Sie sitzt mit übereinander geschlagenen Beinen auf einem Steinmäuerchen. Und hat sich zum Schutz vor Kälte, eine dunkelblaue Steppdaunenjacke untergelegt. Eine dunkelblaue Herrendaunenjacke, die Dir nur allzu bekannt vorkommt. „Kein Zweifel“ denkst Du, nachdem Du das Bild hektisch gepincht und gezoomt hast. Das ist die tintenblaue Steppjacke von O. Die er trug, als er Dich zuletzt besuchte. Um Dich herum scheint sich alles zu drehen. Unter Deinem Solarplexus beginnt etwas zu zucken. Mit allergrösster Mühe kämpfst Du das Gefühl nieder, zur Toilette rennen und Dich im Schwall übergeben zu müssen. Minutenlang sitzst du mit tränenden Augen am Küchentisch. „Und, magst Du mit ihr kuscheln?“ tippst Du, nachdem Du Dich ein wenig beruhigt hast. „Ich weiss es nicht!“ antwortet O. „Aber natürlich … es wäre für mich …“

„Tja, es wäre auch für mich nochmal ne Bestätigung!!! Und du weisst ja selber am besten wie gern man das ab und zu hat!“ – „Würdest Du mit ihr dann länger als nur so 20 Minuten zusammen sein?“ tippst Du mit angehaltenem Atem. „Paar Stunden oder über Nacht?“ – „Paar Stunden!“ antwortet O. „Wegen 20 Minuten über die Autobahn raus zum See würd sich nicht lohnen. Und sie will ja auch nicht sofort kuscheln. Sondern auch reden und mit mir zusammen sein!“ – „Könntest Du zu ihr besser zärtlich sein als zu mir?“ tippst Du, während Du fühlst, dass die Nausea zurückkehrt. „Ja!“ antwortet O. „Du bist meine Schlampe!!!“ -„Und das bedeutet?“ tippst Du. „Das was es halt bedeutet!“ antwortet O. „Härtere Sachen. Schlagen. Gleich wieder gehen. Meinen Trieb befriedigen. Mich an dir aufgeilen. All sowas.“ – „Und Zärtlichkeit lebst Du mit anderen?“ tippst Du. „Wer weiss wie das bei ihr wird?“ schreibt O. „Vielleicht braucht sie es mal in den Arm genommen zu werden. Oder das Gefühl das sie noch begehrenswert ist!“

„Ich glaube die will gar nicht ficken. Nur mal wieder Geborgenheit und Zärtlichkeit. Und ich gebe ihr das gerne denn sie stirbt vielleicht!!! Heilungschancen sind sehr schlecht bei ihr!“ – „Oje“ tippst Du mit der rechten Hand ins Handy während Du Dir mit der linken Mund und Nase zuhältst. „Ich denke das ich ihr gut gefalle!“ schreibt O. derweil eifrig weiter. „Sie mag meine Augen und meine Art! Und ich möchte ihr gerne ein bisschen helfen! Denn ich bin zwar nicht in sie verliebt aber sie tut mir sehr sehr leid! So ein lebensfroher Mensch und dann diese Scheiss Krankheit!“ – „Ok“ antwortest Du. „Ich bin Dir sehr dankbar für Deine Offenheit!“ – „Und ich dafür das du bei mir bleibst!“ schreibt O. „Denn ich brauche dich! Und deinen Körper! Deine Geilheit! Deine Art wie du fickst! Alles an dir ist einfach perfekt zum aufgeilen! Du bist eine Sexgöttin!!!“ – „Ich kann gar nicht anders als bei Dir zu bleiben!“ antwortest Du. Dann stehst Du auf und rennst zum Besucher-WC im Vorraum deines Hauses.

Du kniest Dich vor die Toilettenschüssel. Umklammerst sie mit beiden Armen. Und würgst alles, was Du in Dir hast, aus Dir heraus. All deine Gefühle für O. Mit jedem Schwall Frühstückstee, der deinen Magen durch Mund und Nase verlässt, empfindest Du weniger und weniger für ihn. Dein Körper zuckt. Tränen und Spuckefäden rinnen Dir übers Gesicht. Aber nachdem Du Dich vollkommen leer gekotzt hast geht es Dir besser. Du rappelst Dich hoch und weisst: Deine Passion für O. ist mit dem heutigen Tag vorbei. Du hasst O. ab jetzt. Er soll mit seinem SUV an einer Mauer zerschellen, wenn er zum See fährt um die krebskranke Frau zu besuchen. Und sie. Diese Frau. Sie soll auch sterben. Sechs Wochen, nachdem O. Dich in seinem Haus nahezu krankenhausreif schlug und heute von seinem Mitleid für diese Frau schrieb, empfindest Du so. Wann, fragst Du Dich den ganzen Nachmittag über, WANN hatte O. jemals Mitleid mit DIR???? Am Abend nimmst Du dein Handy. Lächelst. Und blockst. Blockierst die tausendfach stärker gewordene Liebe von O.