Confessions

Erleichtert. Dankbar. Zutiefst erschöpft. So verbringst Du den restlichen Tag nach Deiner wagemutigen, ja, eigentlich wahnwitzigen Kontaktaufnahme mit O. NICHT abgelehnt, zurückgewiesen und ignoriert. NICHT aufs Neue beleidigt. Stattdessen sehnsuchtsvoll erhofft. Von einem O., der Fehler eingesteht. Der Ängste formuliert und Gefühle zeigt. Der seine innere Brüchigkeit nicht mehr kaschiert. Sondern sie, im Gegenteil, radikal ehrlich, fast schonungslos selbstentblößend offenlegt. Anders, ganz anders als das narzisstische Lehrbuch es hätte erwarten lassen. Anders auch, als Dein Freund, der Suchtberater es prophezeihte. Das ist viel mehr als Du erwarten konntest. Und es berührt Dich auch zutiefst. Zu erfahren, dass O. sich Sorgen um Dich machte. Dass er Deinetwegen litt. Dies stellt, seltsamerweise, das was Du selber durchgemacht hast, vollkommen in den Schatten. Läßt es irrelevant erscheinen. Du fühlst keinen Schmerz mehr in Dir. Nur noch überbordende Liebe zu O.

Kurz vor dem Ende dieses Tages, als Dein Mann und Dein Sohn längst schlafen und Du, wie so oft, noch ein wenig in der Küche sitzst, piept Dein Handy mit dem Klingelton von O. „Babe ich bin überglücklich das du dich wieder bei mir gemeldet hast!!!“ textet er. „Aber was hättest du eigentlich gemacht wenn ich dich nicht mehr gewollt hätte?“ – „Davor hatte ich grosse Angst“ antwortest Du. „Ich hätte jedoch versucht mich damit abzufinden.“ – „Das hättest du nicht geschafft!“ schreibt O. „Es geht mir jedenfalls sehr schlecht ohne Dich und ohne Verbindung zu Dir“ antwortest Du. „Das ist bei mir genauso“ schreibt O. „Und deshalb wäre ich wohl in den nächsten Wochen mal zu dir gekommen und hätte in Arbeitskleidung geläutet um nachzufragen ob ich die Hecke wieder schneiden soll. Das wäre dann hoffentlich nicht schlimm gewesen auch wenn dein Mann oder dein Sohn geöffnet hätte!!! Hätte gesagt das ich eine neue Handynummer habe!!!“ – „Das hätte ich nie zu hoffen gewagt dass Du so etwas machst!“ antwortest Du.

„Hätte ich ganz sicher gemacht“ schreibt O. „Hab ja alles von dir gelöscht. Aber dann nach ein paar Tagen gemerkt wie sehr du mir fehlst! Und auch wenn ich dabei erschrocken bin … wie geil ich es fand dich so heftig zu schlagen und dir die Strumpfhose runterzureissen! Nachdem du weg warst hab ich ein paar Tage gebraucht um von diesem Adrenalinrausch wieder nüchtern zu werden. Es war extrem heftig für uns beide!!! Aber als ich wieder klar denken konnte hat sich zu dieser Angst in mir und diesem schlechten Gewissen dir gegenüber diese unglaublich starke Liebe für dich in mir ausgebreitet!!!! Ich habe dich vom ersten Augenblick an in mein Herz geschlossen und dich auch geliebt!!! Aber seit diesem Abend ist meine Liebe tausendfach stärker geworden!!!“ – „Und wenn es nicht so schmerzhaft für dich wäre“ fügt er fieberhaft hinzu, „und ich mich nicht so dafür schämen würde dann würde ich dich am liebsten öfter so übel schlagen und erniedrigen!!!“ – „Du brauchst Dich dafür nicht zu schämen“ antwortest Du.

„“Oh doch!!! Ich schäme mich sogar sehr für das was ich dir angetan habe!!!“ eifert O. während das Smartphone in Deiner Hand zittert und eine Art inneres Vibrieren von deinem ganzen Körper Besitz ergreift. „Denn du hättest ja auch schlimmer verletzt werden können!!! Umso unbegreiflicher ist es deshalb für mich das du mir verziehen hast – UND das ich es wieder tun möchte!!!“ – „Vielleicht ist das gar nicht so unbegreiflich“ antwortest Du. „Vielleicht lieben wir uns einfach nur auf eine sehr besondere Weise? Ich war am Tag nach unserer Begegnung total kaputt, absolut alles tat mir weh. Aber stell Dir vor, ein Teil von mir hat sich gedacht: hoffentlich dauert es lang bis alles verheilt ist denn die Schmerzen sind mein letztes Souvenir von Dir!“ – „Du bist so eine unglaubliche Frau!!!“ textet O. „Ich glaube wenn wir zwei ein richtiges Paar wären dann würde es ganz schön abgehen!!!“ – „Das stimmt“ antwortest Du und kicherst ein wenig in Dich hinein während neue Bekenntnisse von O. dein Handy fluten.

„Ich war wie in Trance als du bei mir warst!!!“ schreibt er. „So etwas Heftiges und Geiles wie an diesem Abend habe ich noch nie zuvor erlebt!!!“ – „Es war wie ein düsterer Traum“ sekundierst Du. „Ja!!!“ schreibt O. „Seit diesem Abend weiss ich das wir uns gegenseitig brauchen!!! Deshalb werde ich dich jetzt nicht mehr so vernachlässigen!!! Werde öfter zu dir kommen! Und im Sommer geht die Lolo ja für drei Wochen auf Kur. Dann kannst du mich besuchen!!!“ – „Hoffentlich geht es aufwärts mit ihr!!!“ tippst Du. „In meinem Kopf spielt dauernd dieser Film“ schreibt O. „Welcher Film?“ fragst Du. Erwartungsvoll. Geflutet von romantischen Phantasien. „Das du bei mir bist und ich dir Schmerzen zufüge!!!“ schreibt O. „Natürlich nicht so heftig wie an diesem Abend!!! Ich werde aufpassen das es nicht zu schlimm für dich wird!!! Aber ich brauche es dieses unglaubliche Machtgefühl über Dich noch einmal zu erleben!!!“ – „Der Suchtberater hatte recht!“ denkst Du während Du mit verschleiertem Blick aufs Handy schaust.

„Und ich möchte dir noch einen Vorschlag machen“ schreibt O. „Was denn?“ tippst Du. „Du bekommst von mir als Entschuldigung 100.- Euro!“ schreibt O. „Und davon bestellst du dir dann wieder sexy Anziehsachen ok?“- „Ok“ tippst Du. „Ich möchte das du jetzt wieder so richtig meine Schlampe bist mit allem was dazu gehört!!!“ schreibt O. „Und ich brauche es so dermassen dich sexy gekleidet auf Bildern zu sehen! Deine Bilder sind ein Lebenselixir für mich!!! Ich könnte ohne dich und deine Bilder nicht mehr sein!!!“ Die Worte auf dem Display deines Handys scheinen wie von weit her zu Dir zu dringen. 100.- Euro Schmerzensgeld? 100.- Euro für mittelschwere Körperverletzung? 100.- Euro Nuttenlohn? „Wie schäbig ist das denn?“ denkst Du. Aber bevor Dein Inneres beginnt, gegen O.s Ansinnen zu rebellieren, tippt er weiter. Dass er es kaum erwarten kann, Dich bald, ganz bald, nächste Woche zu treffen und dass er sehr zärtlich zu Dir sein wird. Und Du spürst: O. KANN nicht anders als so zu handeln, wie er es tut.

Du schläfst tief und traumlos in der Nacht nach diesem Chat. Obwohl Dir klar ist, dass O.s romantisch erscheinendes Vorhaben, im Gärtner-Outfit an deiner Haustür zu klingeln, nichts weiter als das Musterbeispiel einer schulbuchmässig ausgeführten Hoover-Attacke gewesen wäre. Obwohl Du wahrnehmen kannst, dass die von O. so intensiv beschworenen Gefühle Dir gegenüber weit entfernt sind von dem, was man im landläufigen Sinne versteht unter echtem Bedauern, Reue, Mitleid, Scham oder dem Eingeständnis von Schuld. Obwohl ganz offensichtlich ein Diskurs von Hörigkeit und Macht, von Aneignung und Gewalt geführt wird – anstatt einer Sprache der Liebe. Was Dich anfasst und bewegt ist die fast kindhafte Offenheit, mit der O. zu dieser Stunde Einblick in sein inneres Funktionieren gibt – rührend naiv, vertrauensvoll und unverstellt. So kommt es Dir jedenfalls vor. So bindet es Dich. So weckt es Deinen Beschützerinstinkt, Deinen Mutter-Reflex. So schläfert es Deine Selbstverteidigungsimpulse ein …

Natürlich muss es ein Versöhnungsdate geben für Dich und O. Ein Date mit wundervollem, atemraubendem Sex. Nichts scheint O. auf der Welt dringender zu brauchen. Tagelang wird Dein Handy mit kurzfristigen Anfragen, Terminvorschlägen, Ideen, Fantasien, neuen Fragen, neuen Ideen und neuen Fantasien bombardiert. „Was machst du heute vormittag? Vielleicht könnte ich kommen!! Aber leider nur ganz kurz!“ „Ich brauche es soooo sehr dich bald zu spüren!!! Könntest du am Sonntag ganz früh rauskommen wenn’s noch dunkel ist? Und was ziehst du dann an?“ „Magst du vielleicht mal versuchen mir mit Hautöl einen runter zu holen?“ „Oh Babe, ich bitte dich, leck mich in die Glückseligkeit wenn wir uns wiedersehen!!!“ „Ich versuche nachher gegen 10 Uhr bei dir zu sein! Kann es aber nicht versprechen!“ „Magst du mir bitte noch eine schöne Sprachnachricht schicken?“ „Ich weiss jetzt das du für mich bestimmt bist!!! Nächste Woche komme ich zu dir! Am Dienstag werde ich dich ganz zärtlich berühren!!! Ich liebe dich!!!“

Der 15. März 2016 dämmert herauf. Der Termin Deines avisierten Wiedersehens mit O. Wie so oft an solchen Tagen erwachst Du früh. Und spürst: der Hype ist vorbei. Etwas Anderes hat begonnen. „Guten Morgen meine Sklavin!“ schreibt O. um 6.46h. „Wie geht es dir?“ – „Guten Morgen mein Gebieter!“ antwortest Du. „Ich lieg schon lange wach und denk an Deine Hände!“ – „Du willst mich, stimmts?“ schreibt O. „Ja!“ antwortest Du. „Du willst mich mehr als alles andere, stimmts?“ schreibt O. „Ja!“ antwortest Du. „Ich habe ehrlich gesagt Angst davor dich wiederzusehen!“ schreibt O. nach einer kleinen Pause. „Ein wenig Angst habe ich auch!“ antwortest Du. „Aber mein Wunsch Dich zu sehen ist grösser als meine Angst!!“ – „Vielleicht sollten wir noch warten!“ bemerkt O. Kühl. Irgendwie lauernd. Dein Herz pocht. „Ich habe Angst das ich dich wieder schlagen möchte und das ich nichts mehr für dich empfinde!“ schreibt O. „Aber du hast heute doch keinen Grund mich zu schlagen!“ wendest Du ein. „Genau davor habe ich ja Angst“ schreibt O. „Das ich keinen Grund mehr dazu brauche!!!“

„Ich glaube nicht dass es so schlimm ist“ tippst Du nach einer Schockpause. „Bitte besuche mich! Ich könnte Dir doch wirklich einfach nur meine Schuhe zeigen! Es sind so viele die Du noch nie gesehen hast!“ O. schweigt. „Bitte lass es uns versuchen!“ tippst Du mit wachsender Verzweiflung. „Ich weiss einfach nicht was ich machen soll!“ schreibt O. „Ich verstehe Dich!“ antwortest Du. „Aber ich könnte Dir ja einfach nur die Tür aufmachen damit wir uns kurz sehen! Und vielleicht magst Du mir ein Hemd mitbringen?“ – „Ich weiss es nicht“ schreibt O. Du resignierst. „Ich bin sehr beeindruckt von Deiner Ehrlichkeit“ schreibst Du dann, um dem Chat eine Art friedfertigen Abschluss zu geben. Fest entschlossen, Deine schwere Enttäuschung diesmal ganz mit Dir alleine abzumachen. Da meldet O. sich erneut. „Es tut mir leid! Ich liebe dich sehr!“ schreibt er. „Aber ich befürchte ich habe mit dem Schlagen eine Grenze überschritten!!!“ – „Wir haben die zusammen überschritten“ antwortest Du. „Und nun?“

„Ich weiss es einfach nicht!“ schreibt O. „Wie lang bist du heute allein zu Hause?“ – „Bis spätnachmittags“ antwortest Du. „Hast du was Weisses zum Anziehen?“ fragt O. „Etwas das sexy ist?“ – „Ich hätte eine schrittoffene weisse Netzstrumpfhose“ schreibst Du. „Perfekt Babe!“ antwortet O. „Zieh sie an und schick mir ein Video von dir!!! Jetzt gleich!“ – „Das kann ich aber jetzt innerlich grade nicht so gut“ antwortest Du. „Und im Moment zittern  meine Hände auch sehr!“ – „Mach!!!“ schreibt O. „Mach es jetzt!!!“ Woher Du die Energie nimmst, weisst Du nicht. Aber irgendwie schaffst Du es, Deine Kreislaufschwäche zu überwinden, im Eiltempo zu duschen, eine antrazithfarbige Tagesdecke über dem Doppelbett in Deinem Schlafzimmer auszubreiten und Dich selbst in erotischer Pose darauf zu filmen. In strahlend weisser Netzstrumpfhose und signalroten Highheels. Es wird sogar eines der besten Videos, die Du bisher für O. gemacht hast. „Geil“ schreibt er, als Du es ihm um 9.34h schickst. „Echt geil!“

„Kommst Du mich jetzt dann vielleicht besuchen?“ tippst Du hoffnungsvoll. „Nein“ antwortet O. „Ok“ schreibst Du. „Dann sag mir bitte nur Eins. Es ist wichtig für mich. Wenn Du mich siehst auf dem Video – hast Du dann immer noch den Wunsch mich zu schlagen?“ -„Ja!!!“ antwortet O. „Und ich würde dich ehrlich gesagt gerne wo festbinden und dazu zwingen das du starken Alkohol trinkst!!!“ – „Ups“ schreibst Du. „Vielleicht wehrst du dich dadurch dann mehr gegen das was ich mit dir mache!!!“ fiebert O. „Vielleicht würdest du versuchen auch mich zu schlagen! Oder du kotzt! Wer weiss was alles passieren würde!!! Ich habe Angst das ich komplett ausraste! Denn diese Phantasien machen mich unglaublich geil!!“ – „Löse nur ich solche Gefühle bei Dir aus?“ tippst Du. „Ja! Nur du!!“ schreibt O. „Was an mir?“ tippst Du. „Kann ich nicht sagen!“ antwortet O. „Du bist einfach der Wahnsinn für mich! Leider kann ich gerade nicht weg! Eine Mitpatientin von der Lolo kommt zu Besuch!!! Sonst würde ich zu dir kommen!!!“

„Schon ok!“ antwortest Du. „Es ist sehr wichtig was du mir gerade geschrieben hast. Vielleicht wichtiger als sich zu sehen!“ – „Und das Wetter ist leider auch so schlecht!“ schreibt O. „Sonst hättest du kurz zum Park kommen können und ich hätte dir die Hemden von mir gegeben!“ – „Es ist alles gut jetzt“ antwortest Du. „Ich ziehe mich jetzt um. Vielen Dank dass Du so offen zu mir warst!“ Du erhebst Dich vom Bett. Da piept Dein Handy erneut. „Ich hätte dir wenigstens gerne die Hemden gegeben!“ schreibt O. „Das kannst Du ja irgendwann noch machen“ antwortest Du. „In ein paar Wochen ist Frühling!“ – „Würdest du die Hemden abholen?“ schreibt O. „Beim Park? Klar!“ antwortest Du. „Du würdest wirklich fast alles für mich tun oder?“ fragt O. „Ja, O. Das würde ich!“ antwortest Du. „Denn ich liebe Dich. Soll ich zum Park kommen?“ – „Nein!“ schreibt O. „Ich fahre jetzt zum Bio-Supermarkt. Behalte die Strumpfhose an!!! Ich komme kurz zu dir und bringe die Hemden. Kann aber nicht bleiben!“ – „Ok“ schreibst Du.

Etwa eine halbe Stunde lang sitzst Du einfach nur mit nacktem Oberkörper und übereinander geschlagenen Beinen auf dem Vintage-Stuhl in der Küche Deines Hauses und starrst hinaus in das Schneetreiben vor dem Fenster. Versuchst, Dir einen O. vorzustellen, der im Naturkostladen einkauft. Einen O., der sich ritterlich um zwei von Chemotherapie gezeichnete Frauen kümmert, die in seinem Domizil zusammen Kaffee trinken. Das alles sind neue Aspekte für Dich. Leider ertappst Du Dich selbst beim Gefühl einer tiefen Eifersucht gegenüber dieser anderen Brustkrebs-Betroffenen, die einfach so, als Gast, im Haus mit den vielen Bildern zu Besuch sein kann. Dort, wo Du geschlagen wurdest. Und nur als Sex-Arbeiterin geduldet bist. Du schämst Dich sehr für diese Gefühle. Aber beiseite wischen kannst Du sie nicht. Dann, um 12.02h, klingelt es an Deiner Haustür. Als Du öffnest, steht O. in einer dunkelblauen Daunenjacke vor Dir und blickt Dich koboldhaft aus seinen schwarz umrandeten Augen an. Und alle Dinge nehmen ihren Lauf.