Überwunden/About Wounds

Ein blauschwarzes Monokelhämatom, so wie Du es von Deiner Auseinandersetzung mit O. im Februar 2016 rund um Dein linkes Auge zurück behalten hast, benötigt ziemlich genau eine Woche um zu verheilen. Die tiefdunkle Farbe persistiert in Deinem Fall für sechseinhalb Tage, dann wechselt sie aprupt ins Grünlich-Schwefelgelbe und baut sich innerhalb zweier weiterer Tage zügig ab. Während dieser gesamten Zeit wandert auch eine Art Schmerzfront durch Deinen Körper. Ausgehend von den Prellungen auf Deinem Rücken beginnt sie ihren Marsch zwischen Deinen Schulterblättern und im Nackenbereich, wo sie sich wie starker Muskelkater anfühlt. 36 Stunden später sitzt sie in all Deinen Gelenken und lässt Dich phasenweise kaum von der Couch hochkommen. Zur selben Zeit entwickelst Du Schluckbeschwerden und Deine Halslymphknoten schwellen an wie bei einem grippalen Infekt. „Leichtes Kehlkopftrauma!“ schreibt Dein Freund, der Suchtberater, als Du ihm davon berichtest. „Wenn das schlimmer wird musst Du zum Arzt!“

Aber es wird nicht schlimmer. Ein Arztbesuch bleibt Dir erspart. Stattdessen gelingt es Dir sogar, am Tag 4 nach der Prügelei all Deinen Mut zusammen zu nehmen, und auf wackligen Beinen zum Drogeriemarkt um die Ecke zu spazieren, wo Dich eine verständnisvolle Verkäuferin sehr einfühlsam über camouflierende Make-up-Techniken berät. Sie erklärt Dir, dass ein Bluterguss im Augenlidbereich mit Hilfe einer komplementärfarbigen Grundierung unter einer hautfarbigen Puderschicht optisch neutralisiert werden kann und nimmt sich viel Zeit, die für Dich passenden grün-grauen und dunkelorangen Farbnuancen zu ermitteln. Versehen mit einem ganzen Arsenal von Spezial-Kosmetika im Wert von 47.- Euro kehrst Du nach Hause zurück. Dort wendest Du die neu erlernten Schminktricks sofort an. Und versuchst nebenbei, Dir selbst einzureden, dass Du froh, ja, wirklich sehr, sehr froh bist, O.s dunkle, belastete Sphäre nun endlich, wirklich, ganz bestimmt für immer und alle Zeit hinter Dir lassen zu können …

Das wahre Ausmass Deiner inneren Verwüstung wird erst allmählich, mit dem Abheilen der körperlichen Blessuren offenbar. Als das Management des Gesundwerdens Dich nicht mehr ganz so sehr in Anspruch nimmt. Als Du Deine vom Treppensturz geprellten Knie wieder durchbiegen kannst. Als die Genickstarre und die Schluckbeschwerden nachlassen. Und das Fahrradfahren wieder ganz gut klappt. Kommt das eigentliche Desaster erst richtig hoch. Die Erinnerung daran, dass O. Dich am Abend des 26.2. nicht nur sexuell misshandelte und schlug. Sondern Dir auch Dinge ins Gesicht geiferte, die sich tief in Dein Inneres gruben. „Kapier endlich dass du nix als ein gschlampertes Verhältnis für mich warst!!!“ hatte er gefaucht während er auf Dich einhieb. „Ich hab keine Verpflichtungen dir gegenüber! Aber DU hast die wichtigste Regel für Affären-Weiber überschritten: den Anderen nicht zu stressen!“ Er hielt kurz inne. „Jetzt gibts für dich nur eins!“ dozierte er dann. „Wenigstens in Würde gehen!!!“

„Es darf auf keinen Fall SO enden“ denkst Du jeden Morgen, während Du Dein Concealer-Make-up aufträgst. Mit so viel Feindschaft, Stress und schlechten Gefühlen. In Würde gehen, das hieße für Dich, in Frieden zu gehen. Mit einem klärenden Gespräch. Einer Entschuldigung. Einer Umarmung. Mit guten Wünschen für die Zukunft. Aber genau so etwas ist mit jemandem wie O. nicht möglich. „You will never get closure with this kind of person. NEVER!“ heisst es in den einschlägigen Blogs und Foren. Du kennst die Sätze alle auswendig. Du weisst, dass sie stimmen. Ein Mensch, der Züge einer Cluster-B-Persönlichkeitsstörung aufweist, gewährt jemandem anderen keine Erleichterung, keinen Trost. Nicht während der gemeinsamen Zeit. Und nicht an deren Ende. Ein Borderline-Erkrankter verzeiht nicht. Gibt nicht nach. Räumt keinen Fehler ein. Ein grandioser Narzisst baut niemandem eine Brücke zur Versöhnung. Dies alles weisst Du. Hast Du verstanden. Jedoch: NICHT akzeptiert. Und deshalb …

Deshalb kreist Dein Denken ab dem Moment in dem Deine Epidermis sich über Deinen Schrammen schließt, nur noch um eine einzige Frage: ob, und wenn ja, WIE Du noch einmal, ein letztes Mal auf O. zugehen, mit ihm in Kontakt treten kannst. Wann immer Du Dich bangen Herzens in Deine Whatsapp-Chats klickst, stellst Du fest: blockiert hat O. Dich nicht. Sein Profilbild mit der niedlichen, weiß-braun gefleckten Jung-Kuh auf einer sonnigen Almwiese ist nicht verschwunden. Im Gegenteil. Es scheint Dir täglich farbintensiver und attraktiver ins Auge zu springen. Am 6. März 2016, einem ruhigen, ereignislosen Sonntag, spielt Dein Gehirn pompöse Wiedersehens- und Versöhnungsszenarien durch. Unablässig. Nonstop. Du ent- und verwirfst Whatsapp-Botschaften. Gestaltest in Deinem Handy romantische Bilder mit Hilfe einer App, die pastellfarbige Retro-Sticker auf Fotos aus Deiner Galerie appliziert. Und am Ende des Tages weisst Du: die Sucht nach O. ist stärker als all der Schmerz, den er Dir angetan hat.

Tags darauf erwachst Du mit dem drängenden Gefühl, „etwas“ unternehmen zu müssen, bevor „es“ zu spät ist. Mit der diffusen, nicht näher begründbaren Sorge, dass ein Zeitfenster sich unwiderruflich schließt. Beim Frühstück bist Du fahrig und nervös. Nachdem Dein Mann und Dein Sohn gegangen sind atmest Du durch und wandelst in einer Art Absence nach oben ins Schlafzimmer. Dort nimmst Du die Stoffschachtel mit dem Mille-Fleur-Muster zu Dir auf den Tibettteppich vor dem Bett und holst die schwarzen Highheels mit den Jetperlen am Rand aus ihrem Versteck. Du befühlst jeden einzelnen kleinen Stein. Und versuchst Dich an die Vorstellung zu gewöhnen, dass Du NIE wieder diese Schuhe tragen wirst für O. Nicht auf Bildern. Und nicht bei einem Date. NIE wieder. „Ich sollte sie wegwerfen“ denkst Du, während Dein Inneres sich zusammenkrampft und gegen diese Idee rebelliert. „Ich sollte alles wegwerfen was mich an ihn erinnert“ denkst Du weiter. Dann legst Du die Schuhe aufs Bett und gehst ins Bad.

Nachdem Du fertig geduscht hast, nimmst Du Dir ein wenig Zeit um Dich im Badezimmerspiegel zu betrachten. Spezial-Make-up ist nicht mehr vonnöten, stellst Du fest. Lediglich eine zartgrüne Corona rund um Dein linkes Auge ist am Montag den 7.3.2016 von O.s Schlag in Deinem Gesicht noch übrig. Allerdings sieht Dein Spiegelbild abgezehrt, irgendwie leidend aus. Dein Kinn wirkt ungewohnt spitz und Deine Wangenknochen treten stärker hervor als sonst. Zweifellos hat die Schmerzbewältigung Dich einiges gekostet. Und dennoch möchtest Du jetzt nur nach vorne denken. Du schminkst Deine Lippen sehr sorgfältig in einer dunkelroten Farbe und fährst mit dem Puderpinsel über Dein Gesicht. Dann gehst Du ins Schlafzimmer, schlüpfst in eine enge schwarze Jeans, streifst Dir das schwarze Netztop über, das O. Dir vor langer Zeit bei Deinem ersten Besuch in seinem Haus vor die Füsse warf und steigst in die Peeptoes. Du schaltest die Selfiekamera von deinem Handy ein und machst: Bilder. Bilder für O.

Du tust also das, was bisher noch immer,  jedes Mal half, wenn es galt, eine schwere Krise, eine Phase des Schweigens zwischen Dir und O. zu überwinden. Und Du beherrschst es gut, mittlerweile. Die Bilder geraten sehr ausdrucksvoll und schön. Als Du fertig bist, denkst Du noch einmal kurz nach. Versuchst Dich darauf einzustellen. dass O. nicht reagieren oder Dich beschimpfen wird, wenn Du ihn unaufgefordert kontaktierst. Fragst Dich, ob Du dem gewachsen wärst. „Ich muss es riskieren“ denkst Du. Dann wählst Du zwei Bilder aus. Eins von Deinem Gesicht. Und eins von den schwarzen Peeptoes an Deinen Füssen. „Du hast einen harten rechten Haken!“ schreibst Du dazu. „Aber für diese wunderschönen Schuhe werde ich Dir immer dankbar sein!“ Dann sendest Du alles ab. Und spürst, dass etwas Eigenartiges dabei geschieht. Dein Handy, beziehungsweise eine Instanz jenseits Deines Handys scheint Deine Nachrichten begierig, ja, sehnsuchtsvoll in sich aufzusaugen. Scheint sie tatsächlich sehr zu brauchen …

Dein Handy piept nach knapp 15 Minuten. Mit dem Klingelton von O. „Was willst du Ursula?“ schreibt er. „Mit Dir in Verbindug sein“ antwortest Du, während Deine Anspannung sich in einer Art Schüttelfrost löst. „Ich habe dich doch so heftig geschlagen!!!“schreibt O. nach einigen Minuten. „Das stimmt“ antwortest Du. „Aber ich habe mich ja auch nicht richtig verhalten. Ich habe Deine Grenzen missachtet und das tut mir sehr leid!“ – „Ich hatte Angst dass du oder dein Mann mich anzeigt!!!“ schreibt O. und Du kannst fühlen dass er sehr aufgewühlt ist. „Das würde ich doch nie tun!“ antwortest Du. „Ursula ich habe dich vergewaltigt!!!“ schreibt O. „Und stell dir mal vor deinem Trommelfell wäre was passiert!!!“ – „Das war wirklich Glück“ antwortest Du. „Aber willst Du mal das hübsche Veilchen sehen das ich letzte Woche hatte?“ – „Ja!“ schreibt O. „Bitte zeig es mir!“ Du schickst ihm einige der Bilder, die Du für Dich selbst gemacht hast. „Mein Gott Babe!!!“ schreibt O. nach einer Weile. „Das ist wirklich super heftig!!!“

„Und ich kann gar nicht richtig glauben dass ich das war!!!“ fügt er hinzu. „Ich hätte Lust den Typen fertig zu machen der dir das angetan hat!!!“ – „Du bist süss!“ antwortest Du. „Aber der rechte Haken kam von Dir. Von niemand sonst!“ – „Und trotzdem möchtest du noch Kontakt mit mir haben?“ schreibt O. „Ja!“ antwortest Du. „Auch sexuellen Kontakt?“ fragt O. „Ja“ antwortest Du. „Auch wenn es wieder mal etwas heftiger werden sollte?“ fragt O. „Auch dann“ schreibst Du. „Aber ich werde Dir nie wieder Grund geben mich so krass zu schlagen.“ – „Du kannst ohne mich nicht leben gell?“ schreibt O. voll fiebriger Erregung. „Du brauchst mich mehr als alles andere oder???“ – „Ich brauche den Kontakt zu Dir“ antwortest Du. „Und ich liebe Dich!“ – „Ich liebe dich auch!!!“ schreibt O. „Das habe ich jetzt in den langen Tagen der Funkstille gemerkt!!! Ich wusste ja immer dass ich dich liebe!!! Aber erst jetzt weiss ich WIE SEHR ich dich liebe!!! Meine Gefühle für dich sind unglaublich stark!!! – „Das ist schön!“ antwortest Du.