Strike Hard

Nichts hält Dich auf, an jenem verhängnisvollen Freitagabend Ende Februar 2016, während Deiner kurzen Pedaltour zum Haus von O. Niemand stellt sich Dir in den Weg. Kein Fingerzeig des Schiksals greift regulierend ein. Du überfährst rote Ampeln. Querst gefährliche Kreuzungen. In halsbrecherischem Tempo. Aber nichts passiert. Der Himmel sendet Dir kein Zeichen, das Dich zum Anhalten, Absteigen oder Umkehren mahnt. Im Gegenteil. Das Schiksal winkt Dich durch. Du fliegst geradezu auf Deinem Fahrrad über die dunklen Straßen hinüber ins Wohnviertel von O. Vorbei an einem der steinernen Eingangsportale zum historischen Teil des größten Friedhofs Eurer Stadt. Aus dessen Baumbestand stets eine besondere Kühle auf die sechsspurige Verkehrsstraße vor seinen Mauern herüber weht. Vorbei an der Parkbank, an der Du normalerweise anhältst, um O. zu schreiben, dass Du gleich da bist. Vorbei an erhellten Wohnhäusern. Vorbei an Leben, Wärme und Licht. Hin zum kalten, kranken Reich, zum Eispalast von O.

Und auch als Du angekommen bist, beim Haus mit den vielen Bildern, gibt es in Dir kein Innehalten, kein Zögern. Du sperrst nur einfach Dein Fahrrad an den korrosionsbeständigen Edelstahlzaun, der zusammen mit einer hohen, blickdichten Lorbeerhecke O.s Imperium abschirmt und begrenzt. Ziehst Dein Handy aus der Tasche Deines Parkas, lehnst Dich rücklings gegen das große, dunkelrote Tor des Garagenanbaus und tippst mit eiskalten Fingern: „Ich bin jetzt da. Bitte mach mir auf.“ O. antwortet nicht. „Ich tu Dir nichts. Ich liebe Dich!“ schreibst Du. Keine Reaktion. „Bitte“ schreibst Du und überlegst, wie lang Du der Kälte, die bereits jetzt unter Deinen Parka kriecht, wohl standhalten kannst. „Geh weg“ schreibt O. unvermutet. „Nein“ tippst Du. „Bitte lass mich in die Garage!“ – „Und dann?“ schreibt O. „Dann kann ich Dich da kurz sehen“ antwortest Du. Minuten vergehen. Deine Zähne schlagen aufeinander. Du frierst. Doch dann antwortet O. „Geh ums Haus rum!“ schreibt er. „Ich öffne die Küchentür“

„Ok“ antwortest Du und versuchst, Dich zu orientieren. Schließlich wurdest Du bisher ja immer nur durch den Nebenzugang ins Haus geschleust. Doch dann nimmst Du Deine Tasche aus dem Fahrradkorb, stemmst Dich entschlossen gegen die Entriegelung der Gartentür und betrittst mit angehaltenem Atem die Latifundien von O. Du fühlst Dich wie ein Eindringling auf vermintem Gelände. Unerwünscht. Durch Zielfernrohre beobachtet. Kurz vor der Festnahme stehend. Dennoch versuchst Du, so viel wie möglich zu erfassen von O.s äußerem Hoheitsgebiet, während Du vorsichtig Fuß vor Fuß setzend, den steingrau gefliesten Weg  an der Mauer des Hauses abschreitest. Die scharfkantigen Umrisse eines etwa kniehohen Kunstobjekts im Zierkiesstreifen längs der Fassade bannen Deinen Blick. Eine makabere dreiteilige Skulptur aus weißem Stein, stellst Du fest, im Licht Deines Smartphones. Mit der Anmutung von skelettierten Rückenwirbeln einer urzeitlichen Riesenechse, die vor Jahrmillionen ihr Leben in O.s Garten aushauchte.

Wie soll HIER eine schwerkranke Frau gesund werden“ denkst Du ingrimmig, während Du linkerhand um die Hausecke biegst. Am Rand der Terasse markiert eine große, zur Form einer Brezel gebogene Schiene aus Edelroststahl den schwellenfreien Zutritt zum Küchenbereich des Hauses. Dunkle Techno-Drums dringen durch die halboffene Terassentür ins Freie. Von O. ist nichts zu sehen, als Du nach einem Moment des Zögerns eintrittst. In den Raum, der eigentlich ein Areal der Wärme und Geborgenheit, der Nähe zu Genuß und Lebensfreude sein sollte, in jedem Haus. Und der hier verkommen ist zum klaren Gegenteil. Überbordendes Chaos, wohin Du auch blickst. Karminrote Porzellanteller mit eingetrockneten Essensresten auf einem kantigen, betonfarbigen Bartisch. Berge von unabgewaschenem Geschirr im stählernen Einbauspülbecken. Myriaden von leeren 0,33l-Flaschen eines Biolimonadegetränks auf den schiefergrauen Bodenfliesen. Kullernd, rollend, fallend. So, dass Du kaum weißt, wohin Du Deine Füße setzen sollst.

„O.!“ rufst Du, „O.!“ während Du versuchst, Dir einen Weg durch das Glaslabyrinth vor Deinen Füßen zu bahnen. Es scheppert und klirrt. Eine Flasche zerbricht. Du bleibst stehen. Fühlst Panik in Deinem Inneren aufsteigen. Willst flüchten, sekundenlang. Da erscheint O. im Rahmen der Küchentür. In Langarmshirt und Jogginghose. Mit hellgrauen Slippern aus Filz an den nackten Füßen. Und blaß, schön, hochmütig und kalt wie immer. Nein. Kälter als jemals zuvor. „Was willst du hier?“ fragt er und schaut Dich dabei vollkommen ausdruckslos an. „Dich sehen!“ flüsterst Du. „Ok“ antwortet O. „Jetzt hast du mich gesehen! Also geh wieder! Da ist die Tür!“ – „Nein! Bitte nicht!“ rufst Du und reckst O. Deine Hände entgegen. „Ich kann so nicht gehen! Bitte schick mich nicht so weg!“ – „Sag mal spinnst du jetzt völlig, Ursula!“ stößt O. hasserfüllt aus, macht zwei Schritte auf Dich zu und schlägt Deine Hände beiseite. Auf dem Küchenfußboden zerbrechen weitere Flaschen. Die Situation wird bedrohlich.

„Du kannst dankbar sein dass ich dich überhaupt hier reingelassen hab!“ sagt O. mit unangenehm schneidender Stimme, direkt vor Deinem Gesicht. „Damit du mich noch einmal kurz siehst. Denn dir ist ja hoffentlich selber klar, dass jetzt endgültig Schluß ist mit uns!“ Du spürst die Stöße von O.s Atem, während er all das ausspricht. Und mit ihm O.s Verachtung, nein, schlimmer, O.s absolute Gleichgültigkeit Dir gegenüber. Was Du empfindest, was in Dir vorgeht, ist ihm restlos egal. Es interessiert ihn nicht. Mehr noch: er hat nicht einmal eine Idee, eine Vorstellung davon. Es ist vielmehr so, als ob er von einer ganz anderen Person reden würde, während er Dir vollkommen emotionslos in die Augen starrt und sagt: „Ich hab dein ewiges Theater jetzt endgültig satt. Mir reichts für immer von dir und deiner Rumspinnerei! Du hast es nicht verdient dass ich mich noch länger mit dir abgeb! Und jetzt hau endlich ab! Sonst rufe ich die Polizei!“ – „Nein“ antwortest Du und bleibst vor ihm stehen.

„Ok“ antwortet O., dreht sich um und schlendert betont lässig Richtung Wohnzimmer. „Dann hol ich jetzt die Bullen! Die schaffen dich dann schon hier raus!“ – „Warte!“ rufst Du und läufst ihm nach. „Bitte lass mich mit dir reden!“ – „Ganz sicher nicht!“ antwortet O., wendet sich nach hinten und rammt Dir seinen rechten Ellbogen so hart in die Seite, dass Du zu Fall kommst und mit Schulter und Hüfte voran auf den Eichenholzdielen im Flur aufschlägst. Knapp vorbei an zwei leeren Biolimonadeflaschen. Deine rechte Körperseite fühlt sich taub an, für Sekunden. Dann schiesst Schmerz in die betroffenen Muskeln und Gelenke ein. Du kämpfst Dich unterdrückt stöhnend hoch, preßt Deine Tasche, die Du bisher nicht losgelassen hast, an Dich und schleppst Dich zur Geschosstreppe im Zentrum des Hauses. Unter Aufbietung all Deiner Willenskraft erklimmst Du nahezu kriechend die ersten sechs der ausladenden Stufen aus massivem Eichenholz. Auf der achten läßt Du Dich nieder. Blickst um Dich. Ringst nach Luft.

O. ist im Wohnbereich des Hauses verschwunden ohne Dich weiter zu beachten. Du hörst, wie die Techno-Musik leiser gestellt wird. Stattdessen hallt nun das Rattern von Maschinengewehrsalven und wildes, vielstimmiges Männergeschrei durchs Haus mit den vielen Bildern. Ganz offensichtlich flimmert ein Actionfilm der härteren Sorte über den riesigen Bildschirm an der Wand gegenüber der schwarzen Couchlandschaft im Wohnzimmer von O. Du selbst bleibst still auf der Treppenstufe sitzen. Ziehst Deine Knie hoch bis unters Kinn, umfasst deine angehockten Beine mit beiden Armen und läßt Deine Blicke durchs Treppenhaus schweifen. Du versuchst, Dir noch einmal möglichst viel einzuprägen von all den hier ausgestellten Bildern und Artefakten, in denen sich O.s Weltsicht spiegelt. Denn Du bist sicher, nach dem heutigen Tag nie wieder an diesen Ort zurückkehren zu können. „Leb wohl“ denkst Du, mit Blick auf den Haifisch aus Kabelgeflecht, der im zweiten Obergeschoß unter der Decke schwebt. „Leb wohl“.

Je länger Du alles betrachtest, desto fremder und feindseliger erscheint Dir der ganze Kosmos um Dich herum. Nie fühltest Du Dich unerwünschter, nie stärker eingeschüchtert und klein gemacht, als hier auf der monumentalen Holztreppe umgeben von schreienden Bildern im Haus von O. „Was soll ich machen“ denkst Du. Da kommt O. aus dem Wohnzimmer zurück. „Und,  jetzt bist du immer noch nicht weg?“ faucht er. „Ich wollte grade gehn!“ flüsterst Du. „Super!“ antwortet O. und hält hart auf die Geschosstreppe zu. „Pass auf, ich helfe Dir ein bisschen! Ich glaub du schaffst das nicht allein!“ Du versuchst noch irgendetwas zu sagen. Jedoch. O. nimmt zwei Treppenstufen auf einmal. Und ist bei Dir, bevor Dein Gehirn zur Umsetzung eines Impulses fähig ist. Er greift nach Deinen Handgelenken. Er zerrt an Deinen Armen. So heftig, dass die Schultergelenke knacken. Und räumt Dich mit einer einzigen verächtlichen Bewegung von der Treppe. Ein dumpfes Krachen ertönt, als Du auf Knien und Handgelenken aufkommst.

Natürlich würdest Du sehr gerne aufstehen, vom betonharten Fliesenboden im Erdgeschoss von O.s Haus, sobald Dein Kniescheibenschmerz es erlaubt. Aufstehen. Gehen. Nie mehr wiederkommen. Aber O. ist anderer Meinung. O. ist noch nicht fertig mit Dir. O. beugt sich von einer der unteren Treppenstufen herab über Dich und drischt Dir von hinten seine geballten Fäuste in die Rippen. Methodisch. Routiniert. Punktgenau. Deine Nierenregion spart er aus. Und wohl schlägt er auch nicht mit voller Wucht zu. Dennoch tut es sehr, sehr weh. Und klingt beängstigend. Und nimmt Dir die Luft. Du röchelst und stöhnst. Und irgendwann hört O. auf. Eigenartigerweise raffst Du nun nicht Deine Tasche an Dich und schleppst Dich so schnell wie möglich zur Ausgangstür. Nein. Du flüchtest ins Wohnzimmer. Kriechend. Taumelnd. Stolpernd. Die Tasche an Dich gepresst. Warum, das weißt Du nicht. Aber Du willst, Du musst unbedingt das Sofa erreichen. Das riesige Sofa im Wohnzimmer von O. Unbedingt.

Als Du es geschafft hast, ziehst Du Dich an der Rückenlehne bis dahin, wo die Couchlandschaft eine Ecke bildet. Und kauerst Dich dort wieder genauso hin wie gerade eben noch auf der Treppe. „Wahnsinn Ursula!“ ruft O. und kniet sich mit breit gespreizten Beinen vor Dich. „Hast du jetzt immer noch nicht kapiert dass ich dich nicht mehr will!“ stößt er hervor und beginnt wieder, mit seinen Fäusten auf Dich einzuschlagen. Er boxt Deine Oberarme. Und das, was er von Deinem darunter vergrabenen Kopf erreichen kann. Er zerrt an Deinem Rollkragenpulli und am Gummiband der schwarzen Netzstrumpfhose über deiner Brust. Er reißt die Knopfleiste von Deiner Jeans auseinander. Er spuckt in die Innenfläche von seiner Hand und reibt Dir den Speichel ins Gesicht. „Ich will dich nicht mehr“ murmelt er dabei vor sich hin. Dann nimmt er sich einen Moment Zeit um Dich zu betrachten. „Hast du Highheels dabei?“ fragt er. „Ja“ antwortest Du mühsam. „Hol sie!“ sagt O. „Dann bekommst Du nen Abschiedsfick von mir.“

Nachdem Du die roten Peeptoes aus Deiner Tasche geholt und Dir über die Füße gestreift hast, hat das, was Du bekommst, mit gefühlvollem, intensivem Schlußmach-Sex jedoch nichts zu tun. Es ist vielmehr einfach nur, wie von O. vor längerer Zeit bereits angekündigt: eine Vergewaltigung. Und zwar: anal. Im flackernden Licht der Explosionen und Kampfszenen auf O.s Grossbildschirm. Auf dem Sofa knieend. Mit den Armen Halt an der Rückenlehne suchend. Wirst Du von O. brutaler und härter genommen als jemals zuvor. Was Dir hilft, ist ein etwa handtellergroßes, skurril geformtes Stofftierchen aus neonfarbigem Häkelgarn, das unbeachtet auf dem Polsterrand des Lounge-Sofas herumliegt. Es scheint Dich mit traurigem Blick anzustarren. Du vermutest, dass es Lolo gehört. Und nimmst es ganz fest in Deine rechte Hand, als einer von O.s Stößen Dir die Chance dazu gibt. Danach tut alles etwas weniger weh und Du fühlst Dich auch nicht mehr so völlig allein. Auf diese Art überstehst Du es. Ganz gut.

Irgendwann hört O. auf, Dich zu nehmen und zerrt Dich frontal zu sich auf den Schoß. „Machs dir jetzt selber!“ herrscht er Dich an. „Ich will sehen wie es Dir kommt!“ – „Tut mir leid. Das kann ich jetzt wirklich nicht!“ antwortest Du. „Vielleicht wenn ich dir Eine scheuer?“ fragt O. und holt rechts weit aus. „Auch dann nicht!“ antwortest Du und presst Dir in einer instinktiven Geste die linke Hand aufs Ohr. Sekunden, bevor O.s Backenklatsche in Deinem Gesicht landet. Du hast das Gefühl, dass unter Deinem linken Auge etwas reisst. Aber Dein Gehör bleibt intakt. Und das ist Dir in diesem Moment das Wichtigste. „Hoffentlich kriegst du es jetzt wenigstens hin mich zu lecken!“ sagt O. und schubst Dich von sich. „Klar“ antwortest Du und streckst Dich auf dem Sofa aus. „Zum letzten Mal“ murmelt O., bevor er sich mit seinem vollen Gewicht auf Deinem Gesicht niederlässt. Es wird vollkommen dunkel um Dich herum und Du bekommst auch schlecht Luft. Aber Du schaffst es, den Rim-Job für O. zu machen.

Danach ist es für eine geraume Weile unnatürlich still in den Räumen vom Haus mit den vielen Bildern. O. hat den Actionfilm abgeschaltet, während Du noch auf der Couch lagst um wieder zu Atem zu kommen. Er reicht Dir sogar ein Kleenex, um Deinen Bauch sauber zu putzen und schickt sich an, Deine zerrissenen Jeans und Leggings vom Boden aufzusammeln. „Lass nur. Ich mach das schon!“ sagst Du mit nasal klingender Stimme und richtest Dich auf. „Ok“ antwortet O. und geht mit gesenktem Kopf hinaus. Als er zurück kommt, hast Du Deine Tasche gepackt und Dich vollständig in die Reste Deiner Kleider gehüllt. „Fertig?“ fragt O. „Ja“ antwortest Du. „Dann komm“ sagt O. und geht vor Dir her durch das Meer der leeren Lemongetränkflaschen zur Fenstertür in der Küche. Dort schlüpfst Du in Deinen Parka, der hier über einem breiten roten Design-Hocker liegt. „Leb wohl“ sagt O. „Du auch!“ antwortest Du und trittst nach draußen auf die Terasse. Die Luft ist sehr kalt, im Garten von O., und lässt Dich all Deine schmerzenden Körperstellen spüren. Dein linkes Jochbein pocht und Deine Schädeldecke dröhnt, während Du Dich am Zaun nach vorne beugst, um Dein Fahrrad zu entsperren. Nun gibt es ZWEI schwerverletzte Frauen im Umfeld von O.