In the Midst of Tragedy, Pt. 1

Anfang Februar 2016 geht O. dazu über, Dir Internet-Pornos aufs Handy zu schicken. Kommentarlos. Einfach so. Und zwar nicht irgendwelche Sexfilmchen, die traditionellen, erwartbaren Handlungsmustern folgen. Auch keine SM-Sequenzen – die Dir durchaus gefallen könnten – vorausgesetzt sie wären ästhetisch gefilmt. Was O. schickt ist vielmehr nur einfach vollkommen bizarr. Grell. Jenseits aller Grenzen von Stil und Geschmack. Und mit dem Inhalt Eurer auf Whatsapp entwickelten Phantasien hat es auch nichts zu tun. „Gefällt Dir das wirklich?“ schreibst Du, nachdem Du zwei Frauen mit riesigen Brüsten beim Extrem-Squirting zugeschaut hast. „Klar!“ antwortet O. „Ich schaue ab und zu ganz gern mal einen Porno! Dachte nicht das du da ein Problem damit hast!“ – „Hab ich auch nicht“ antwortest Du. Devot wie immer. „Ich freue mich über alles was Du mir schickst. Nur Squirting ist nicht so mein Ding!“ – „Kein Problem!“ antwortet O. gönnerhaft. „Vielleicht hab ich ja nächstens nen geilen Leckporno für dich!“

Leider scheint zusammen mit einem der von O. geschickten Sex-Videos ein gnadenloser Smartphone-Virus Dein Handy infiltriert zu haben. Denn als Du es am Morgen des folgenden Tages einschaltest und entsperren willst, informiert Dich grelles, neongelbes Schriftwerk auf blauem Grund, man müsse Deinen Smartphone-Browser blockieren. Du habest Dich schwerer Verstöße gegen das Jugendschutzgesetz, gegen Persönlichkeitsrechte von Dritten sowie gegen Sitte, Moral und Anstand schuldig gemacht. Nur nach sofortiger Überweisung des Betrags von 1000.- Euro auf ein bestimmtes Konto werde Dein Browser baldmöglichst wieder freigegeben. Du verbringst quälende Stunden in einer Servicestelle für Handyprobleme am anderen Ende der Stadt, wo Dein Smartphone komplett zurückgesetzt und rebootet wird. Sehr viele Bilder, Chats, Memos und Kontaktdaten gehen dabei unrettbar verloren. Allein Deine Whatsapp-Dialoge mit O. lassen sich fast vollständig wieder herstellen. Ein kleines Wunder. Jedoch. Der Schock sitzt tief.

O. gegenüber erwähnst Du nichts von der Malware-Attacke auf Dein Handy. Am Ende des nervraubenden Tages bist Du einfach nur froh, wieder für ihn erreichbar, mit ihm in Verbindung zu sein. Denn das ist nach wie vor das Wichtigste für Dich. Immer und überall verfügbar zu sein für seine spontanen Ideen. Die Dir noch immer so herrlich abgefahren, so wunderbar verrückt erscheinen. Wie an einer unsichtbaren, pulsierenden Nabelschnur hängst Du an dem Kontakt, besser gesagt an der MÖGLICHKEIT des Kontakts zu ihm. Dass er Dir schreiben KÖNNTE. Zu jeder Zeit, tagsüber oder nachts. Dich auffordern KÖNNTE zu einem Abenteuer, einem Whatsapp-Nervenkrieg, einem erotischen Spiel. Und Dich damit herausreißen WÜRDE aus der gefühlten Lethargie Deines Alltags. Das ist Dein Alpha und Omega an jedem neuen Tag. Deshalb, und aus vielen anderen Gründen erfährt O. nichts von dem Stress, den Du seinetwegen hattest. Doch, seltsam: seit jenem Vorfall schickt O. Dir nie wieder dubiose Pornovideos aufs Handy.

Die närrischen Tage der Karnevalszeit fühlen sich im Jahr 2016 für Dich an wie ihr genaues Gegenteil. Verfroren, einsam und nachdenklich, wie an den Totenfeiertagen im November, so sitzst Du in der Nacht zwischen Rosenmontag und Faschingsdienstag im Wohnzimmer beim Kaminofenfeuer. In bleierner Stille,  denn Dein Mann und Dein Sohn sind zum Skifahren verreist. Und O., dessentwegen Du zu Hause bliebst, O. schreibt Dir nicht. Obwohl er wissen müsste, dass Du darauf wartest und Dir Sorgen um ihn machst. Dass die bevorstehende OP von seiner Freundin ihre Schatten bedrohlich vorauswirft, ist für Dich mit Händen fast zu greifen, während Du auf dem Sofa gekauert ins Dunkle starrst. Aber. Warum O. Dir nicht ein Minimum an Information über seine Lage geben kann, verstehst Du trotzdem nicht. In Dein Mitgefühl für ihn und seine Freundin mischt sich Wut, während Du zum Handy greifst und schreibst: „Ich bin hier und denke an Dich. Schade dass ich gar nichts von Dir höre! Gute Nacht!“

Äonen des Wartens vergehen. Quälend. Still. Leer. Aus dem Karneval wird die Fastenperiode. Aus Aschermittwoch wird Ascherdonnerstag wird ein grauer, deprimierender Freitag und ein Samstag voller Sinnlosigkeit und Angst. Dann endlich, am ersten Sonntag der Passionszeit meldet O. sich wieder. Und zwar in Form einer Sprachnachricht, die Dich außerordentlich aufwühlt und bewegt. „Hey Baby!“ hörst Du ihn mit brüchiger Stimme sagen, während das Smartphone in Deiner Hand zittert. „Mit der Lolo ihrem Krebs hats wieder jede Menge Stress gegeben. Und mit ihrer Familie auch! Ihre Schwester versucht uns zu schaden wo sie nur kann. Ich zieh mir dann oft so eine Art innere Decke über den Kopf und bin für niemanden zu sprechen. Aber ich find es schön dass du mir noch immer schreibst und diese geilen Bilder für mich machst. Wenn das Schlimmste hier vorbei ist komm ich wieder zu dir. Bitte hab noch Geduld und machs dir ab und zu selber. Ich entschädige dich dann, ok?“ – „Ok“ hauchst Du ins Handy und weinst.

Erschüttert, ohne genau zu wissen wovon. Verstört und belastet von Vorgängen, die Du vielleicht schemenhaft erahnen, jedoch keineswegs voll überblicken kannst. Tief involviert in eine Tragödie, die nicht die Deinige ist und deren Hauptakteure Du nicht kennst. Täglich auf unbegründbare Weise ein klein wenig mehr verzweifelt und bedrückt. So verbringst Du die diffus dahintreibende Zeit vor dem 24.2.2016. Dem Tag, der für die Freundin von O. die entscheidende Befreiung aus ihrem Krebs-Drama mit sich bringen soll. Dies allerdings zu einem sehr hohen Preis: dem Verlust ihrer linken Brust. Der Opferung eines wichtigen Attributs ihrer Weiblichkeit. Ziel der sechsmonatigen Chemotherapie war es eigentlich gewesen, eine brusterhaltende OP zu ermöglichen. Jedoch. Diese Hoffnung habe sich zerschlagen, teilte O. in seiner Sprachnachricht mit. „Die Lolo ist total am Boden, denn sie hat bald nur noch nen halben Busen“ sagte er. Und dieses Schiksal lässt Dich keineswegs kalt.

Am Tag der OP erscheint alles versteinert, leblos und kalt. Du erwachst gegen 6h morgens mit dem Gefühl einer Zentnerlast auf der Brust, gräbst unter der Decke nach Deinem Handy, klickst Dich zu Deinen Chats mit O. und tippst mit verkaterten Augen: „Guten Morgen! Alles alles Gute! Ich denke so sehr an Euch!!!“ O. antwortet nicht. Ab 8h verbringst Du die lastend dahinschleichenden Stunden mit Aufräumarbeiten im Haus, das Handy stets im Blick. Von Zeit zu Zeit kannst Du nicht anders, Du musst es entsperren und in O.s Chatfenster starren, als könntest Du dadurch erfahren wie es ihm geht. Aber Du siehst nur, dass er permanent online ist. Kommst Dir deplatziert vor, in Deiner Küchenschürze, daheim. Und schämst Dich gleichzeitig für diese Gefühle, die so unangemessen sind angesichts des Leids einer anderen Person. Gegen Abend reisst die Hochnebeldecke auf und einige Sonnenstrahlen brechen aus dem Himmel hervor. Du atmest auf. Die Krise des Tages, sie scheint vorbei.

In den Morgenstunden des 25. Februar 2016 wagst Du es, O. anzuschreiben. „Guten Morgen! Wie war denn die Nacht?“ tippst Du um 5.22h, nachdem Du aus Deinem Bett gekrochen und ins Wohnzimmer geschlichen bist, wo Du Dich auf der Couch zusammenkauerst. „Guten Morgen!“ antwortet O. nach drei Minuten. „War gestern den ganzen Tag im Krankenhaus! Und ich hab wieder so gut wie nicht geschlafen“ – „Oh das tut mir so leid!“ schreibst Du. „Ich habe dauernd an Dich gedacht!!!“  – „Lieb von dir“ antwortet O. „Bitte sag mir einfach wenn ich irgendwas machen kann was Dir hilft!“ schreibst Du. „Du weißt doch was du machen kannst!“ textet O. „Bilder?“ fragst Du. „Auch!!!“ schreibt O. „Und???“ – „Heute Abend kommen?“ tippst Du ungläubig. „Ja!!!“ antwortet O. „Aber für ne härtere Nummer!“ – „Ok“ schreibst Du. „Dann bereite ich mich vor“. Fassungslos. Überwältigt. Auf perverse Art glücklich. „Danke!“ schreibt O. „Ich bin so froh dass ich dich habe!“ – „Das hast du auf jeden Fall!“ antwortest Du.

Abwesend. Wie in Watte gepackt. Seltsam entrückt. So durchlebst Du die Stunden nach diesem Chat. Einerseits dankbar und stark davon berührt, dass O. in der aktuellen Situation Halt sucht bei DIR. Und nicht bei jemand anderem. Du hattest nicht geglaubt, so wichtig zu sein für ihn. Andererseits zutiefst verstört, auf welchem Weg O. versucht, Abstand zu den Geschehnissen im Krankenhaus herzustellen. Nicht durch Gespräche oder Umarmungen. Nicht durch Zuhören oder Reden. Nicht durch Pizza bestellen oder Essen gehen. Sondern mit hartem, intensivem Sex. Dem einzigen Mittel, das er wirklich kennt. Mit der Demütigung und Misshandlung einer Frau. Mit der Übertragung seiner eigenen Aufgewühltheit, seiner eigenen Ängste, seiner eigenen Schmerzen auf eine andere Person: Dich. Dich, die alles mitmacht. Dich, die niemals protestiert. Dich, die moralische Bedenken unter den Teppich kehrt. Weil sie O.s Funktionieren verstanden hat und ihn bedingungslos liebt. Dich, O.s perfekte codependente Frau.

25.2.2016, 18h. Du sitzst am Küchentisch und rührst in Deiner Teetasse. Angespannt. Unruhig. Nervös. O. hat sich den ganzen Tag über nicht mehr bei Dir gemeldet. Sorgenvoll nimmst Du Dein Handy und schreibst: „Ich könnte nachher gegen 19h bei Dir sein. Ist Dir das recht?“ O. antwortet zum Glück sehr schnell. „Glaub nicht“ schreibt er und Du fühlst einen Zustand von extremer Verletzlichkeit und Fragilität durch das Handy zu Dir dringen. „Ok“ antwortest Du. „Du willst lieber Deine Ruhe haben, hm?“ – „Glaub ja“ antwortet O. „Das verstehe ich!“ schreibst Du. Lehnst Dich zurück. Fühlst wie die Aufregung von Dir weicht. Beginnst, in Deinem Kopf nach Worten zu suchen, die O. spürbar vermitteln könnten, dass Du an seiner Seite bist, in dieser extremen, belasteten Situation. Da piept Dein Handy erneut. Als Du es entsperrst, siehst Du, dass O. Dir ein Bild geschickt hat. Und zwar: ein absolut grauenvolles, unerträglich schmerzhaftes Bild. Es lässt Dir sofort das Blut in den Adern gefrieren.

Du siehst: die frontal aufgenommene Handyfotografie einer massigen, kahlköpfigen, jeglicher Weiblichkeit beraubten Frau. Erschöpft, mit geschlossenen Augen und leicht geöffnetem Mund liegt sie auf einem schräghoch gestellten Klinikbett. Ihr Teint ist gelblich fahl, die Augenlider dunkelblau umschattet. Ein durchsichtiger Inhalationsschlauch klemmt unter ihrer Nase, die aufgedunsene linke Hand ruht auf einem automatischen Notrufknopf, die aus dem OP-Hemd ragende Schulter ist noch mit bräunlichem Desinfektionsmittel verschmiert. Die ganze Szenerie atmet Krankenhausluft, Krankenhauspanik, Krankenhausstress. „Oh mein Gott. Sie tut mir so leid!!!“ schreibst Du, nachdem Du es einigermaßen erfaßt hast.  „Ich glaube darum kann ich grad nicht!“ antwortet O. „Sie tut mir halt zu leid“ – „Ist das Bild von heute?“ fragst Du. „Gestern“ antwortet O. „Aber heute geht es ihr eher schlechter als gestern. Bitte versuche zu verstehen dass ich heute nicht ficken kann. Wenn es ihr besser geht komme ich zu dir!“ – „Natürlich!“ schreibst Du. „Ich liebe Dich!“ – „Ich liebe dich auch!“ antwortet O.