Epiphany

Freitag, 2. Januar 2015. Bereits zwei Tage nach Deiner Rückkehr aus dem Haus mit den vielen Bildern kannst Du wieder schmerzfrei sitzen. Und die blauen Flecken unterhalb Deines Rippenbogens verblassen sogar so schnell, daß Du bald nicht mehr sicher bist, ob Du es wirklich erlebt hast oder nur geträumt. Dieses Date. Bei dem ein zorniger, rotbärtiger Mann meinte, Dir Gewalt antun zu müssen, inmitten von fremden Luxusgütern, aus einem rätselhaften Grund. Tizianrotes, kleingelocktes Haar hat er also, Dein Zuchtmeister in der düster dekorierten Villa, wenn er sich nicht kahlschert und glattrasiert. Das Haar der Freibeuter. Der Verruchten. Der Außenseiter, also. Der Geächteten. Und: Der Zauberkundigen. Der Magier und Hexen. Ja, der Seelenlosen, wie man auf Fantasy-Webseiten lesen kann. „Daywalker“, heißt es da, seien ganz besondere Rothaarige: hellhäutig, aber ohne Sommersprossen. Lichtscheu. Unempfindlich gegen Schmerz. Gefühlskalt. Tagwandelnde Vampire. Kein Zweifel, denkst Du. So ist O.

22h. Du sitzst in eine Decke gewickelt auf dem Sofa und läßt Dich vom Kaminofenfeuer wärmen. Neben Dir liegt Dein Smartphone. Du ringst mit Dir. Erwartungsgemäß hat O. Dir kein frohes Neues Jahr gewünscht, gestern. Und Du ihm auch nicht, obwohl Deine Gedanken bei Ihm waren als es Mitternacht schlug und das Silvesterfeuerwerk begann und Dein Mann und Dein Sohn Dich umarmten. Nun drängt es Dich, ihm zu schreiben. Es gibt so Vieles, was Du gerne wissen würdest. Wo und wie verbringt jemand wie O. den Jahreswechsel? Auf einem wilden, bachantischen Fest im Haus mit den vielen Bildern? Bei anderen Freunden, in einem ähnlichen Domizil? Wo Champagner geschlürft wird und nackte Frauen Koks auf Silbertabletts reichen? Oder in seinem eigenen Zuhause, das Du noch immer nicht kennst? Euer vergangenes Treffen, von dem Du Dich erst langsam erholst, was war es für O.? Bestimmt nur der marginale Auftakt für mehrtägige Abenteuer und Exzesse, denkst Du. Das Vorglühen, das halb vergessene Präludium …

22h30. Ok, O., denkst Du. Die Schlampe meldet sich wieder. Du nimmst Dein Handy und schreibst: „Ich hoffe Du bist gut ins Neue Jahr gekommen. Küsse!“ Du atmest durch. Gehst zum Kaminofen um Holz nachzulegen. Willst Dich gerade auf der Couch zurecht kuscheln um ein wenig zu schlafen. Da piept Dein Handy. Tatsächlich. O. „Hallo“ schreibt er nur. „Hallo“ schreibst Du zurück. Und dann: “ Hat es Dir gefallen mich zu bestrafen?“ – „Ja!!“ antwortet O. nach einigen Minuten. „Aber Du hast mir nicht bewiesen daß Du mir noch gehörst!!!“ – „Warum nicht?“ schreibst Du irritiert. „Was hat Dir gefehlt?“ – „Du hast gesagt daß ich Dich mißhandeln darf!!!“ schreibt O., wiederum nach einigen Minuten. „Und jetzt schau mal was rausgekommen ist! Ich durfte Dich NICHT härter angehen!“ – „Aber Du hast doch alles gemacht was Du wolltest!“ schreibst Du. „Und hättest auch noch mehr machen können! Ich war jedenfalls bereit dazu!“ – „Wirklich?“ fragt O. „Wirklich!“ antwortest Du. „Babe!“ schreibt O. „Ich danke Dir!!!“

„Kein Ding“ schreibst Du, bewegt von O.s Offenheit. „Und ich kann Dir was sagen, zum Trost“ fügst Du hinzu. „Ich konnte nicht besonders gut sitzen gestern!“ – „Das ist gut Babe!!!“ antwortet O. „Ich werde Dich nämlich schon bald noch härter behandeln!!! – „Ok“ schreibst Du und suchst nach einer frivolen Antwort. Plötzlich aber fühlst Du, wie ein lang in Dir aufgestautes Wissenwollen unhaltbar aus Dir herausdrängt. „Kann ich Dich was fragen?“ schreibst Du und ziehst die Wolldecke enger um Deine Schultern. „Frag“ schreibt O. „Das Haus“ tippst Du, und Dein Herz klopft wild, „in dem Du Dich immer mit mir triffst, das ist aber nicht Dein Zuhause, oder?“ – „Doch“ antwortet O. Du hast den Eindruck, daß der Raum um Dich herum sich dreht. Ziemlich schnell, sogar. Und auf dem Fußboden direkt vor dem Sofa bilden sich wieder Risse. „Oh nein. Hilfe.“ schreibst Du. „Warum?“ fragt O. „Das ist ja so ein wahnsinnig edles cooles Haus!!“ antwortest Du. „Mein Zuhause ist eine Köhlerhütte im Vergleich dazu!“

„Jetzt übertreib mal nicht!“ schreibt O. „Aber dieser ganze Luxus der da ist!“ schreibst Du, „gehört das alles Dir? Und was ist mit den Kindersachen die da immer herumliegen?“ – „Der Luxus gehört ein Teil mir und ein Teil meiner Freundin“ antwortet O. „Und die Kindersachen sind von zwei Neffen von uns. Die sind öfter bei uns zu Besuch!“ – „Ach so“ schreibst Du. „Und das wunderschöne kleine Zimmer? Wo das mit den Blutflecken passiert ist? Ist das dann Dein Zimmer?“ – „Ja! Das ist mein Zimmer“ antwortet O. „Und ausgerechnet da mußte das passieren“ schreibst Du, während Du überlegst, Dich in eine der offenen Fugen unter Dir fallen zu lassen. „Und das Haus ist noch lange nicht fertig!“ schreibt O. „Was fehlt denn noch?“ fragst Du und fühlst plötzlich etwas wahnhaft Besitzstrebendes durch das Handy zu Dir dringen. „Ich brauche Platz für eine neue Stereoanlage!! Neue Regale!! Und vor allem viel viel mehr Bilder!!!“ schreibt O. „Es wird wahrscheinlich niemals wirklich fertig sein!!!“

„Ein Palast für einen Prinzen wie Dich kann wohl auch nie wirklich fertig sein“ textest Du. „Da könntest Du recht haben, Kleine!“ antwortet O. “ Und ich liebe es wenn Du mir so schöne Sachen schreibst!!!“ – „Es ist einfach die Wahrheit!“ antwortest Du. „Dann Gute Nacht, Babe!“ schreibt O. „Dir auch!“ antwortest Du. „Ich muß es jetzt erstmal verkraften was Du mir heute alles erzählt hast!“ Lange, sehr lange nach diesem Chat sitzst Du immer noch reglos auf der Couch, mit angezogenen Beinen, in die Wolldecke gehüllt, das Smartphone in der Hand. Erst als das Feuer im Kaminofen ganz heruntergebrannt ist und Dein Mann und Dein Sohn, die oben zusammen ferngesehen haben, längst schlafen gegangen sind, löst Du Dich aus Deiner Erstarrung. Das Haus mit den vielen Bildern. Wo Dir der Atem stockt, sobald Du es betrittst. In dem die Wände von stummen Schmerzensschreien widerhallen. Und Du in die Abgründe einer verlorenen Seele blicken kannst. Es ist nicht irgendein Ort. Es ist O.s innerstes Reich.

Dienstag, 6. Januar 2015. Dreikönigstag. Die Zeit der entfesselten stürmischen Mächte geht zu Ende. Dein Sohn ist zusammen mit zwei Freunden als Sternsinger unterwegs. Dein Mann zu Besuch bei seinen Eltern. Und Du kannst Dich, vier Tage nach der verstörenden Erkenntnis, längst Teil von O.s innerster Welt gewesen zu sein ohne es zu wissen, vor den PC setzen und etwas ganz Einfaches tun: Du gibst das, was Dir seit Neuestem als O.s Wohnadresse bekannt ist, in die Google-Suchzeile ein. Den klangvollen Strassennamen. Die gerade, zweistellige Hausnummer. Den Namen Eurer Stadt. Und drückst die Enter-Taste. Augenblicklich erscheint die angefragte Adresse bei Google-Streetview. Im zugehörigen Foto ist das Haus mit den vielen Bildern nur schemenhaft erkennbar. Dennoch überläuft es Dich kalt, als Du es siehst. Die Namen von vier Immobilienfirmen ploppen auf. Geschäftssitz: das Zuhause von O. Du recherchierst die Unternehmen. Homepages gibt es keine. Aber ihre Einträge ins Handelsregister sind abrufbar, bei North Data und Moneyhouse.

Plötzlich gibt das Internet so Vieles preis. Die Firmen wurden vor 6 Jahren gegründet. Als geschäftsführend werden jeweils drei Frauen mit dem gleichen Familiennamen samt ihren Geburtsdaten genannt. Eine Dame im Alter von 68 Jahren und ihre beiden Töchter. Die Erstgeborene ist wohnhaft im Haus mit den vielen Bildern. Ihren Vornamen kanntest Du schon. Aus der Traueranzeige für O.s Mutter. O.s Lebensgefährtin, also. Ihr Vater ist Gründer eines bedeutenden mittelständischen Bauunternehmens, stellst Du fest. Ihre Mutter entstammt einer wichtigen deutschen Verlegerfamilie. Zusammen mit weiteren Angehörigen dieser Sippe verfügt sie über ein Netzwerk aus Firmen- und Wohnsitzen an den vornehmsten Adressen im Westen der Stadt. Auch die alte Villa, in der O. Dich zum ersten Mal nahm, scheint Teil des Familienbesitzes zu sein. Und ins Kennzeichen des SUV den O. fährt, sind die ersten beiden Buchstaben des illustren Clan-Namens integriert. Ihre gesellschaftlichen Verbindungen reichen bis in die höchsten Kreise Deiner Stadt.

So sehr Du auch suchst, Bilder sind von keiner der drei gut situierten Frauen im Netz zu finden. Zwar kannst Du sehen, daß sie sich karitativ engagieren, bei Children for a Better World und ähnlichen Organisationen. Die Matriarchin sitzt außerdem im Festkomitee eines sehr beliebten Wohltätigkeitsballes Deiner Stadt. Ihre Gesichter halten die Damen im Raum des weltweiten Netzes jedoch konsequent verborgen. So erfährst Du leider nicht, wie O.s Freundin aussieht. Natürlich nimmst Du an, daß sie schlank und attraktiv ist, beneidenswert stilvoll und teuer gekleidet, von Männern umschwärmt, kurz, das Pendant zu O. Bestimmt bist Du nur ein Aschenputtel im Vergleich zu ihr. Du fühlst Dich tief unterlegen, beim Blick auf all die Infos im Netz. Und dennoch empfindest Du auch etwas wie Mitleid, wenn Du ihren Namen liest. Ein eigenartiges Verbundensein mit den seelischen Narben und Verletzungen einer anderen, zu O. gehörenden Frau. Zu dessen Person selbst weiterhin nichts, absolut nichts aufscheint. Auch nicht im virtuellen Umfeld des von ihm bewohnten Hauses.

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin