Solitaire

1.9.2014 Dein Mann ist von seiner Reise zurück, die Tage Deines Alleinseins zu Hause sind vorbei. O. hat keinen Gebrauch gemacht von der Möglichkeit Dich nachts zu treffen, und auch geschrieben hat er Dir nicht mehr. Dabei schien es ihm ja vor kurzer Zeit noch so wichtig zu sein. Inzwischen aber wirkt es wie ein fern zurück liegender Traum dass er Dir täglich, stündlich schrieb, Dich intensiv begehrte, alles von Dir wissen wollte. Das Scheinwerferlicht der Auserwähltheit das er auf Dich warf, es scheint erloschen. Du fühlst Dich vergessen, im Abseits stehend. Schmerzliche Phantasien quälen Dich. Dass er eine andere Frau auf der Strasse kennengelernt hat, beispielsweise, ihr leidenschaftliche Sms sendet, es irgendwo mit ihr treibt, während Du verlassen da sitzst und vergeblich auf ein Zeichen von ihm wartest. Eine coolere, mutigere Frau als Du es bist, mit mehr zeitlichem Spielraum und wilderen Tattoos. Wieder einmal schämst Du Dich. Wieder bist Du unsicher und sehr allein.

2.9.2014 Du schämst Dich, weil es Dir offensichtlich nicht gelingt, O. über längere Zeit hinweg erotisch zu faszinieren. Du schämst Dich aber auch, weil Dein tiefes Mitempfinden mit dem Leiden seiner Mama ihn nicht erreicht. Normalerweise fällt es Dir nicht schwer, Worte und Gesten der Anteilnahme zu finden gegenüber jemandem dem es nicht gut geht. Im Fall von O., dessen Situation Dich stark berührt, fühlst Du Dich eigenartigerweise hilflos, ungeschickt und stumm. Den ganzen Nachmittag über suchst Du nach Worten mit denen Du ihn fragen könntest wie es ihm und seiner Famile geht, seiner Familie von der Du nichts weisst, aber es ist als ob Du die Sprache der Empathie verlernt hättest. Dir fällt einfach nichts ein. Alles was Du ihn fragen, ihm sagen möchtest, droht abzuprallen an der Schweigemauer die er um sich herum errichtet hat. Und so schweigst auch Du. 19h30. Du bist für einen Last-Minute-Einkauf im Drogeriemarkt. Dein Blick fällt auf ein Regal mit schwarzen halterlosen Strümpfen. Du kaufst ein Paar. Und Deine Hilflosigkeit ist weg.

3.9.2014 10h. Du bist für eine knappe Stunde allein zu Hause. Und Du hast einen Plan. Frisch geduscht, ins Handtuch gewickelt, sperrst Du Dich im Schlafzimmer ein. Holst das schwarze Netz-Top aus seinem Versteck, ziehst es an. Rückst es zurecht, so dass Deine Brustspitzen gut durch die Maschen zu sehen sind. Holst die halterlosen Strümpfe aus der Verpackung, betastest das glatte Material bevor Du sie Dir überstreifst. Schlüpfst in Deine schwarzen halbhohen Stiefeletten. Gehst ein paar Schritte im Zimmer auf und ab. Fühlst Dich verändert, verwandelt, in eine sinnliche, ihrer selbst gewisse Frau, die Du bisher nicht kanntest. Blickst ernst in die Selfie-Kamera von Deinem Handy. Kniest Dich ins Bett, beugst Dich nach vorne, zoomst auf Deine Brust. Legst Dich hin, drückst Dein Kreuz durch, spreizst die Beine. Der Spitzensaum der Strümpfe bildet einen edlen Rahmen für das Jugendstil-Tattoo oberhalb Deiner rasierten Muschi. Du machst sehr viele, sehr interessante, sehr erotische Bilder …

4.9.2014 Vormittag. Du scrollst durch die neue Fotogalerie in Deinem Handy. Natürlich sind nur die erotischsten, geheimnisvollsten, intensivsten Bilder gut genug für O. Die, auf denen Deine Haut besonders glatt und weich erscheint. Die auf denen Du besonders herausfordernd posierst. Sieben Bilder wählst Du aus. Nur auf einem davon ist Dein Gesicht zu sehen. Die anderen zeigen das, was O. Deiner Vermutung nach am Liebsten sieht: Teilansichten eines Frauenkörpers, aufreizend gekleidet, partiell entblößt, namenlos, anspruchslos, verfügbar. Du schreibst: „Hoff Dir gehts gut“ und schickst sie ihm aufs Handy. Du atmest durch, Dein Herz klopft. 20 Sekunden später: Dein Plan geht auf. O. reagiert. „Du geile Schlampe!!! Du bist so ein Teufelsweib!!!!“ schreibt er. Zum ersten Mal seit Du ihn kennst fühlst Du Dich mächtig, ihm gegenüber. „Willst Du dass ich solche Strümpfe anhab wenn Du es mal wieder mit mir machst?“ fragst Du. „Ja Baby!!“ antwortet er. Und Du weisst: Ihr seid wieder voll auf Droge, Du und O.

5.9.2014 Alles ist gut. Das Eis ist gebrochen. Ihr habt nun wieder ein Thema, Du und O., etwas was Euch verbindet. Ihr überlegt gemeinsam, was mit schwarzen halterlosen Strümpfen anzufangen ist. „Babe, ich will dass Du solche Strümpfe unter Deiner Jeans trägst wenn Du mich mal wieder in dem Haus besuchst!!“ schreibt O. „Und dann reiss ich Dir die Jeans runter und fessel Deine Hände mit Frischhaltefolie ans Bett und schau mir Deine schönen Beine in den Strümpfen an während ich es mir besorge!!!! Du musst Dildo und Frischhaltefolie mitbringen wenn wir uns beim nächsten Mal sehen!!!“ Du bist sehr glücklich. Es gibt ein nächstes Mal. Eine Perspektive. Ein neues Date. Einen neuen Plan. „Natürlich, ich mach alles was Du willst!“ schreibst Du. „Hauptsache ich kann Dich sehen und etwas für Dich tun“ – „Babe, Du machst mehr für mich als ich mir je eträumt hab!!! schreibt O. „Du bist die beste Schlampe die ich mir vorstellen kann!“ – „Und Du der beste Gebieter“ antwortest Du. „Ich will nie mehr jemand anderem gehören!!“

6.9.2014 Es ist fast alles wieder so wie ganz am Anfang Eurer Freundschaft, in den magischen Tagen Eures Kennenlernens. O. entdeckt Dich völlig neu, als hätte er Dich gestern zum allerersten Mal gesehen, ist fasziniert von Dir, verzückt und hingerissen. Erneut dringt er mit vielen Fragen auf Dich ein. Fordernd. Fiebrig. Intensiv. „Was hast gedacht als ich Dich zum ersten Mal angesprochen hab? Was hättest gemacht wenn ich Deine Titten berührt hätte?“ will er wissen. „Haben Dich schon viele Typen angesprochen so wie ich?“ „Bist mit denen auch so schnell ins Bett gegangen wie mit mir?“ „Haben sie es Dir besser besorgt als ich?“ „Befriedige ich Dich ein wenig?“ – „Nicht nur ein wenig!“ antwortest Du. „Du bist der Lover meiner Träume den ich nie verlieren will!“ – „Oh Babe, ich will Dich auch nie verlieren!!“ textet er zurück. „Ich bitte Dich, wenn Du Zeit hast, schick mir ein paar schöne Sms! Schreib mir wie geil Du mich findest!!!“ Du überlegst. Denkst lange nach. In den Abendstunden setzst Du Dich hin und schreibst:

„Ich liebe Dich sehr. Du hast nur meinen Körper gewollt und dennoch meine Seele berührt. Du hast mir innerhalb von acht Wochen ungefähr sieben Mal mein Herz gebrochen. Hast mich aufgewühlt, erschüttert und erschreckt wie kein Mann vor Dir – und genau deshalb liebe ich Dich so!!!“ – „Ich find Dich wunderschön! Dein Körper ist wie aus ganz glattem, kühlem, weissem Marmor. Du hast diese Traurigkeit und diesen Schmerz in Deinem Blick. Ich hab Dich noch kein einziges Mal lächeln sehen. Ich freu mich auf den Tag an dem Du mir zum ersten Mal ein Lächeln schenkst.“ – „Ich liebe Deinen Hintern und Deine Beine in den beigen Bermudas. Ich liebe es Dein Arschloch zu küssen. Ich hoff dass ich es noch ganz oft tun darf. Ich liebe einfach alles an Dir!!“ – Lang kommt keine Antwort von O.. Du bist Dir nicht sicher ob Du den richtigen Ton getroffen hast. Je länger er schweigt, desto unruhiger wirst Du. Spät nachts kommt die Erlösung. „Danke Babe! Das ging ja runter wie Öl! Ich liebe Dich!!“ schreibt O.

7.9.2014 Vormittag. Du fährst mit dem Rad durch den grossen Wald der im Süden Deiner Stadt angrenzt und den Du schon seit Deiner Kindheit kennst. Es ist ein strahlend schöner Tag mit einer Vorahnung von Herbst. Spinnennetze mit Tautropfen glitzern im Sonnenlicht. O. hat Dir erhebende Dinge geschrieben in letzter Zeit. „Du bist ganz tief in meinem Herzen und in meinem Kopf!!!“ „Du bist wie aus meiner Phantasie entsprungen!“ „Ich brauche Dich! Du bist einfach perfekt für mich!!“ Als gäbe es keine Grenze zwischen ihm und Dir, denkst Du, als seist Du sein Geschöpf. Und sein emotionaler Doppelgänger, denn Deine Gefühle ihm gegenüber könntest Du mit identischen Worten beschreiben. Seelenverwandt? überlegst Du, während Du eine Linkskurve auf der Waldstrasse etwas zu rasant anfährst, Dein Fahrrad auf einem Teppich feuchter Blätter seitlich wegrutscht und Dich samt Deiner Tasche unter sich begräbt. Mit einer grossen Prellung am rechten Oberschenkel und zwei aufgeschürften Knien kommst Du nach Hause zurück.

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

The Rim-Job

Samstag, 23.8.2014 9h. O. hat geschrieben, um 4h morgens: „Ich will Dich wissen lassen dass Du es heute in einem Haus mit mir machen könntest!“ „Oh gerne!“ schreibst Du rasch zurück. „Zu spät!!“ antwortet O. „Ich habs mir heute schon zweimal gemacht und bin jetzt nicht mehr geil!“ Mittags. „Wenn wir uns heute sehen, würdest Du dann Deinen Dildo mitbringen?“ fragt O. „Natürlich!“ schreibst Du. „Und was würdest Du anziehen?“ – „Jeans, weisses Top, schwarze Stiefeletten“ schreibst Du. „Babe, das ist mir aber nicht geil genug!“ antwortet O. Längeres Schweigen. Du resignierst. Da, eine neue Sms. „Kannst jetzt gleich kommen?“ – „Ich muss noch duschen!“ schreibst Du. „Beeil Dich, Schlampe!“ schreibt O., „Du solltest längst hier sein!!!“ 16h. O. erwartet Dich bei einer Parkbank ganz in der Nähe Eures bisherigen Treffpunkts. Blass, mit unbewegtem Gesicht schaut er zu, wie Du Dein Fahrrad absperrst, ohne Begrüßungskuss schiebt er Dich in den bereitstehenden Geländewagen. Es ist nur eine kurze Fahrt. Dann seid Ihr da.

O. parkt in der gleichen Garage, in der er Dich vor zwei Wochen im Auto so hart genommen hat. Diesmal aber lässt er Dich aussteigen und öffnet die Verbindungstür zum Haus. Du betrittst den Flur und empfindest ein diffuses, unerklärliches Gefühl von Fremdheit und Überwältigung. Der Einrichtungsstil ist von kalter Modernität. Geradlinige Formen, Monochrome Farbgebung. Gediegenste Materialien. Das Treppenhaus dominiert von breiten Stufen aus massivem Eichenholz, an den Wänden bis unters Dach dekoriert mit Bildern: Street Style. Urban Art. Dunkle Motive. Comics. Fratzen. Verletzte Gesichter. Augen, aus denen grellfarbige Tränen rinnen. „Ein Wahnsinnshaus!“ flüsterst Du und schlingst schutzsuchend die Arme um O.s Hals. „Leider nicht meins!“ antwortet er während er sich losmacht und Dich zu einer grossen, schwarzen Couch-Landschaft im Wohnzimmer schiebt, von der ein Teil mit einem weissen Leintuch abgedeckt ist.

„Jeans runter, Schlampe, und hinlegen!“ kommandiert O., während er sich auszieht und Dich seinen grossen, breiten Schwanz sehen lässt. Halb liegend zerrst Du Dir Deine Kleider vom Körper und spreizst gehorsam die Beine. O. spuckt präzise dazwischen und dringt direkt in Dich ein ohne Dich sonst irgendwie zu berühren. Wieder stösst er nur wenige Male heftig zu. Dann lässt er unvermittelt von Dir ab und geht aus dem Raum. Du bleibst reglos mit geöffneten Beinen liegen und horchst. Es ist totenstill um Dich herum, die Zeit scheint anzuhalten. Du beginnst zu frösteln. Ist er ganz gegangen? Lässt er Dich allein hier in dem fremden Haus? Was sollst Du tun? Gerade als Du Dich aufrichten willst kommt er zurück. „Bleib liegen, Schlampe! Zieh das an!“ sagt er und wirft Dir mit einer verächtlichen Handbewegung ein schwarzes Netz-Top in den Schoss. „Wo hast Deinen Dildo?“ fragt er, während Du Dir das Top überstreifst. „In meiner Tasche“ sagst Du und fängst an, hektisch darin herumzusuchen. „Steck ihn Dir rein! Machs Dir selber!“ herrscht O. Dich an. Du gehorchst. Legst Dich auf den Rücken, öffnest wieder die Beine, bewegst den Glasdildo so dass O. es gut sehen kann. „Du bist so eine geile Drecksau!“ sagt er während er sich über Dein Gesicht kniet.

Du siehst sein helles Gesäss, seine grossen Eier ganz nah über Dir. „So, und jetzt leck mein Arschloch, Du Schlampe!“ sagt O. Du lässt den Dildo los, greifst vorsichtig mit den Armen unter O.s Oberschenkeln hindurch um  sein Gesäss berühren zu können, ziehst seine Pobacken ein wenig auseinander, küsst und beisst sie ganz leicht links und rechts und arbeitest Dich dann mit der Zunge zum Rektum vor. Es fällt Dir sehr leicht. O. ist perfekt rasiert. Du leckst und küsst ihn hingebungsvoll, mit all der Liebe die Du für ihn in Dir hast. Es fühlt sich hell, glatt, zart und weich an. O. besorgt es sich mit einer Hand und bewegt mit der anderen den Glasdildo in Dir auf und ab. Du spürst wie er beginnt über Dir zu zucken, beschleunigst ein wenig die Bewegungen von Deiner Zunge und fühlst Sekunden später sein warmes Sperma auf Deinen Bauch klatschen. Du bist sehr, sehr glücklich. O. vertieft sich für einen Moment in den Anblick dessen was er auf Deinem Tattoo hinterlassen hat bevor er es sorgsam mit einem Kleenex abwischt. Dann mahnt er zur Eile.

Schnell raffst Du Deine Sachen zusammen, schlüpfst in Deine Kleider während er das Leintuch zusammen legt und mit konzentriertem Blick die Couch in die richtige Position zurück schiebt. Ohne weiteren Wortwechsel verlasst Ihr das Haus. O. bringt Dich im Auto zurück zu Deinem Fahrrad und entschwindet grusslos, noch bevor Du es entsperrt hast. Du stehst allein bei der Parkbank. Für Sekunden fühlt sich alles unwirklich an, wie nur geträumt. Existiert O.? Hast Du das alles gerade tatsächlich erlebt? Du schaust auf Dein Handy. 23 Minuten hat es gedauert. Es übersteigt Dein Fassungsvermögen. Innerlich zitternd, mit wackligen Knien steigst Du auf Dein Fahrrad und fährst heim. Spätabends erreicht Dich eine Sms: „Danke Kleine!!!! Es war wirklich ein unglaubliches Gefühl Deine weiche Zunge an meinem Arschloch zu spüren!!! Küsse!!“ – „Ich hab es sehr gern gemacht!“ antwortest Du. Doch O. schreibt nicht mehr zurück.

Donnerstag, 28.8.2014 10h. Du verbringst eine ruhige Ferienwoche zusammen mit Deinem Sohn. Dein Mann ist verreist. Du hast O. geschrieben dass Du nachts oder frühmorgens problemlos für eine schnelle Nummer im Auto zu ihm herauskommen könntest, so wie er es ja schon ein paarmal gern von Dir gewollt hätte. Auch um vier Uhr morgens, der Tageszeit zu der er Deinem Eindruck nach besonders gerne chattet oder Sex hat. Aber das schien ihn nicht weiter zu interessieren, jedenfalls hast Du seit Deinem Rim-Job nichts mehr von ihm gehört. Nun schreibst Du einem Freund, den Du seit Deiner Schulzeit sehr gut kennst. Er ist Diplom-Psychologe, Suchtberater, und als solcher bestens bekannt mit Junkies, Trinkern und PC Spiel-Opfern. Ihm vertraust Du Deine jüngsten Erlebnisse an. „Du liebe Zeit!“ schreibt er, als er vom Blitz-Sex ohne Zärtlichkeit erfährt. „Der Typ muss ja eine absolute Scheiss-Kindheit gehabt haben! Den würd ich zu gern mal klinisch testen!“ Und dann: „Pass auf Dich auf Mädel! Ich denk der ist nicht ungefährlich!!“

Freitag, 29.8.2014 3h45. Du schläfst nackt unter Deiner leichten Sommerdecke. Wie in allen Nächten seitdem Dein Mann verreist ist, hast Du Dein Handy eingeschaltet ganz nah bei Dir, um erreichbar zu sein für O. Bisher hat er Dich noch nie geweckt. Nun aber piept es. „Guten Morgen Kleine“ schreibt O. „Bist Du wach?“ – „Sollbich rauskommen tu einem Autofick?“ schreibst Du und wühlst Dich in den Kissen zurecht. „Nein!“ antwortet er. „Schade“ schreibst Du. „Es wüdeso gut gehen grade!“ – „Ich hoffe Du bist nicht zu enttäuscht von mir!“ schreibt O. „Aber meine Ma hat Krebs!!!! Es sind jetzt ihre letzten Tage und dann hat sie es hoffentlich bald geschafft! Es betrifft Dich ja nicht aber ich wollte dass Du es weisst!“ Eine Vielzahl von Gefühlen flutet Dein verschlafenes Gehirn. Schock. Rührung. Mitleid. Tiefe Scham. Wie konntest Du ihn mit Deinen albernen Wünschen behelligen wenn er ein so schweres Problem zu meistern hat! „Vielen vielen Dank für Deine Offenheit!“ schreibst Du. „Ich versteh Dich jetzt viel besser. Bitte sag bescheid wenn ich was helfen kann!“ – „Danke, Kleine!“ schreibt O. Mehr nicht.

8h. Du bist wieder eingeschlafen nach dem Chat mit O., halb sitzend, das Kissen im Rücken, mit dem Handy im Schoss. Es war ein unruhiger Schlaf mit wirren Träumen von Krankenhausbetten und Infusionen. Nun, beim Aufstehen fühlst Du Dich auf eigenartige Weise angestrengt, zerschlagen, irgendwie ausgelaugt, als hätte ein dunkles Fabelwesen Dich besucht, ein Nachtmahr oder ein Vampir. Dabei bist Du ja eigentlich sehr glücklich. Denn, was O. heute Nacht geschrieben hat, ist es nicht ein wunderbarer Vertrauensbeweis? Heisst es nicht, dass er Dich einbezieht in diesen gerade besonders schwierigen Teil seines Lebens? Und dass er ein Mensch ist, sensibel, mit sehr tiefen Gefühlen? Aufgewühlt vom Sterben seiner Mutter? Du empfindest es als eine Art düsterer Auszeichnung ihm gerade jetzt begegnet zu sein. Und willst Dich dessen würdig erweisen. Unbedingt.

Sonntag, 31.8.2014 Nachmittag. Du sitzst im Garten. Buchs und Hecke sind gestern von einem hübschen jungen Mann mit braunen Locken zurück geschnitten worden. Während der Kaffeepause auf der Terasse erzählte er von seinem Beruf, vom Klettern auf Bäume und von extravaganten Gartenideen vermögender Kunden. Voller Interesse hattest Du ihm zugehört und dachtest dabei natürlich die ganze Zeit an O. Stelltest Dir vor wie es wäre wenn ER her käme um bei Dir im Garten zu arbeiten oder Du ihn irgendwo besuchen könntest, in einem verwilderten, verwunschenen Park. Du würdest mit dem Rad hinfahren, in einem leichten Sommerkleid und er würde in Arbeitshosen und mit nacktem Oberkörper von einer Leiter zu Dir herabsteigen um Liebe mit Dir zu machen, im Schatten irgendeines Buschs. Wunderschön wäre das, denkst Du. Natürlich würdest Du danach sofort aufstehen und gehen, ihn nicht behelligen mit dummen Fragen oder romantischen Ideen. Du würdest nur einfach seine Konkubine sein und hoffen dass Du damit sein Herz bewegst.

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Strange Attractors

Dienstag, 12.8.2014 Du überlegst. Ein Mann der spontan ist. Der Risiko und Überraschung liebt. Der eine Frau zu nehmen weiss und den ein dunkles Mysterium umgibt – hast Du davon nicht immer geträumt? Wieder versuchst Du Dich an O.s Gesicht zu erinnern, das Du nachts im Auto im Schatten der Basecap leider auch letztes Mal nur schlecht erkennen konntest. Er hatte kein einziges Mal gelächelt. Blass hatte er ausgesehen, keineswegs wie jemand der fünf Tage unter südfranzösischer Sonne verbracht hat. Eher im Gegenteil. Wie jemand der in grosser Dunkelheit lebt. Abend. „Willst schnell genommen werden?“ schreibt er. Du aber bist auf dem Konzert der grossen Rock-Poetin Patti Smith die heute IN TOWN ist. Zusammen mit vielen Menschen stehst Du nahe bei der Bühne auf der SIE, die so viel mehr ist als ein Rockstar, nämlich eine grosse Schamanin, ihr langes, graues, schimmerndes Haar schüttelt und wie eine verletzte Wölfin den Mond anheult. Sie gibt Dir Kraft. Die Kraft einer wilden, spirituellen Frau. Genau das was Du brauchst.

Mittwoch, 13.8.2014 Feuchtschwüles, wolkenverhangenes Wetter. Der Sommer hat etwas von seinem Glanz verloren und die Zeit scheint zäh und langsam zu vergehen. Aber Du bist noch sehr erfüllt von Deiner Begegnung mit der Hohenpriesterin des Rock. Diese grosse, unfassbare Göttin! Wie sie auf die Bühne spuckte! Wie sie tanzte! Wie sie baritonal sang! Ein Mann, eine Frau, ein Tier? Alles zusammen? Wie sie Geister und Tote beschwor! Wie sie das Leben feierte! Wie sie die Saiten ihrer E-Gitarre zerriss! Du bist glücklich. Abends meldet sich ein gelangweilter O. Gern würdest Du Dein Erlebnis mit ihm teilen, ihn fragen, welche Rockstars ihn durchs Leben tragen, was der Soundtrack seiner Tage ist. Er aber will nur wissen ob Du erotische Slips hast die Du für ihn fotografieren kannst. Eilig holst Du Deinen einzigen Pearl-String aus seinem Versteck, wirfst ihn aufs Bett und machst ein paar Bilder. „Warum hast ihn nicht angezogen?“ fragt O. als Du die Bilder sendest. „Mach das bald Babe, sonst kann ich Dich nicht mehr ficken!!“

Donnerstag, 14.8.2014 Nachmittag. Sommerfest im Wald, im Ferienlager Deines Sohnes. Dein Handy piept. „Hallo meine sexy Kleine!“ schreibt O., „Ich will Dich!!!“ Du versprichst ihm Dich zu melden sobald Du von dem Fest zurück bist. 18h. „Wo bleibst Du?“ schreibt O. ungeduldig. „Ich schaff es heute nicht, gehts vielleicht morgen?“ antwortest Du. „Vergiss es, Schlampe!!!“ schreibt er zurück. „Für das was ich von Dir will brauch ich nur 20 Minuten!!! Wenn Du nicht mal das schaffst, dann lass es!!!“ Du bist empört. Es rauscht in Deinen Ohren als Du mit zitternden Händen schreibst: „Ok. Dann treff ich morgen eben jemand anderen der sich freut mehr Zeit als 20 Minuten mit mir zu verbringen!“ – „Dann lass es Dir nur schön besorgen, dreckige Nutte!!!“ kommt es zurück. „Du bist für mich sowieso nur eine mehr die billig hergeht! Glaub mir, es waren sehr sehr viele Frauen die ich in meinem Leben hatte! Affären, paar kurze Beziehungen und viele viele One Night Stands!!! Denk bloss nicht dass Du was Besonderes für mich bist!!!“

Freitag, 15.8.2014 Zeit zum Nachdenken. Viele Frauen hatte er also, Dein geheimnisvoller neuer Freund, dessen Nachnamen Du immer noch nicht weisst. Sehr viele Frauen. Nicht dass Dich das überraschen würde, im Gegenteil, Du hast es geahnt. Die Art in der es Dir mitgeteilt wurde war dennoch ein Schock für Dich. Kalt. Rücksichtslos. Schmerzhaft. Eigentlich sollte es das jetzt gewesen sein, denkst Du. In den Abendstunden greifst Du trotzdem zum Handy. Du schreibst: „Natürlich habe ich es mir heute von niemandem besorgen lassen. Obwohl ich sogar einen Prosecco danach bekommen hätte!“ Und siehe da, O. antwortet. Offen. Dankbar. „Brauchst Du Zärtlichkeit?“ fragt er. „Was würdest Du als liebevoll empfinden?“ „Schildere mir bitte Deine Traum-Nummer!“ Und er ist ehrlich. „Ich will dass Du mein Arschloch leckst wenn wir uns wiedersehen!!!“ schreibt er. „Du musst es ganz, ganz intensiv machen während ich über Dir knie! Ich brauche das ganz dringend! Ich werde es Dir nie vergessen wenn Du das für mich tust!!!“ Du versprichst es ihm. Dann ist Dein Handy-Guthaben zu Ende.

Samstag, 16.8.2014 In der Nacht hast Du tief und traumlos geschlafen. O.s Offenheit von gestern abend hat Dich sehr bewegt. Nie hat ein Mann Dir in so rührender Weise seine Verletzlichkeit offenbart und seine intimsten Wünsche anvertraut. Selig schaltest Du Dein Handy ein um die intensive Nähe des nächtlichen Chats noch einmal zu erleben. Vom Display ergiesst sich jedoch eine Flut von aggressiven Sms über Dich. Offensichtlich wurden sie tief nachts geschrieben. „Sag mal spinnst Du völlig!!!“ heisst es da. „Warum schreibst Du nicht zurück?“ „Ich hab keine Lust mehr auf Deinen Scheiss!!!“ Eiligst besorgst Du eine Guthabenkarte und versuchst dann mit immer neuen Worten zu erklären dass Du ein technisches Problem hattest und wie viel Dir Euer Chat bedeutet hat. Dass es Dir leid tut. Nie wieder vorkommen wird. Dass Du O.s Wünsche verstehst und erfüllen wirst. Gerne erfüllen. Den ganzen Tag über laufen Deine Sms ins Leere. Erst spät Abends bekommst Du eine Antwort: „Ich liebe Dich“. Mehr nicht. Aber Du atmest auf.

Sonntag, 17.8.2014 Du scrollst noch einmal durch den letzten Chat mit O. Verschaffst Dir einen Überblick über seine sexuellen Wünsche. Ein Rim-Job soll es also sein für ihn. Rimming, Anilingus, oder, wie er es in seiner direkten Art sagt: „Ich will dass Du mein Arschloch leckst!!“ Er hat genaue Vorstellungen: „Du musst Eier und Arschloch richtig mit Zunge und Lippen lecken! Keine halben Sachen!!!“ Du versuchst es Dir vorzustellen, schließlich hast Du so etwas noch nie gemacht. Wirst Du es können, so dass es ihm auch wirklich gefällt? Dann das andere Thema: „Ich will Dich hart von der Seite nehmen. Dich vollspritzen!!! Dann will ich aufstehen und gehen!!!“ Gehen, ohne Dich in den Arm zu nehmen. Gehen, ohne Dich zu küssen. Ohne Dich anzuschauen. Gehen ohne ein Wort. Gehen nach maximal zwanzig Minuten. Das ist es was er will. Gehen. Oder Dich rauswerfen, aus seinem Auto, seinem Haus. Dich wegschicken nach dem Sex, ohne Abschied, ohne Zärtlichkeit. Es tut Dir jetzt schon weh. Ob Du DAS können wirst? Du weisst es nicht.

Montag, 18.8.2014 Es arbeitet in Dir. Von allen Ideen, Forderungen und Phantasien die O. bisher vor Dir ausgebreitet hat ist dies die Härteste: stumm auseinander gehen nach dem Sex, ohne eine Geste der Anerkennung, ohne ein Zeichen der Verbundenheit. Warum ist gerade das so wichtig für ihn? Und: betrifft diese Phantasie nur Dich? Weil Du eine Nutte bist, in seinen Augen? Oder macht er es mit jeder Frau so? Du schreibst ihm. „Kann ich Dich was fragen, BITTE?“ – „Frag“ kommt es schroff zurück. „Wenn ich mal weinen muss nach einer harten Nummer mit Dir“ schreibst Du, „wenn es mir richtig schlecht geht, tröstest Du mich dann?“ – „Nein!!!“ schreibt er. Dein Herz klopft wild. „Und warum nicht?“ fragst Du. „Erklär mir Deine Härte!“ Aber O. antwortet Dir nicht. Mühsam begreifst Du: er wird Dir niemals entgegen kommen. Er wird niemals einen Kompromiss machen, niemals eine Brücke zu Dir bauen. Du wirst nichts von ihm bekommen ausser dieser radikalen, nackten Ehrlichkeit. Mit Deinen Fragen aber bist Du komplett allein.

Dienstag, 19.8.2014 Du sitzst mit nassen Haaren beim Friseur. Daheim sind Dein Mann und Dein Sohn dabei die Wände des Kinderzimmers frisch zu streichen. Sie warten auf Deine Unterstützung. Dein Handy piept. Mehrfach. Im Sekundentakt. O. will Dich treffen. Jetzt. Sofort. Ganz schnell. Unbedingt. Er braucht ES. Wenn nicht jetzt, dann später. Heute noch. Du erklärst ihm Deine Lage. Schickst am Nachmittag ein Selfie im Maler-Overall. Trügerische Ruhe. Abends. O. schreibt: „Wäre es schlimm für Dich wenn ich mir nachher im Auto von einer Anderen einen runterholen lass?“ – „Nein“ antwortest Du. „Aber die Dildo-Nummer mit mir kannst Du dann gern vergessen!“ – „Ist doch nur mit der Hand!“ schreibt O. „Warum bist jetzt so?“  Es folgt ein dramatisches Sms-Gefecht. O.s machthungriges Ego schillert in grellen Farben. Erpresserisch. Drohend. Einschüchternd. Heimtückisch. Beleidigend. Und am Ende? „Ist doch nur ein Spiel, Baby!“ schreibt er. „Das Streiten mit Dir hat mich geil gemacht!! Wann kann ich Dich morgen abholen?“ Du aber hast genug. „Leb wohl“ schreibst Du und meinst es ernst.

Mittwoch, 20.8.2014 Ein neuer Tag. Unnatürliche Stille ringsum. Die Ruhe nach dem Sturm. Du denkst an Hitchcock. Ein aggressiver Vogelschwarm zieht ab, Verwüstung hinterlassend. Wann wird er wieder kommen? Völlig offen. Auf Deinem Handy ging es gestern jedenfalls hoch her. Ein Machtkampf spielte sich ab. Ohne Regeln, ohne Grenzen. O. machte vor nichts halt. Er werde alle Deine Bilder ins Netz stellen wenn Du ihm den Dildo-Fick verweigerst, drohte er. Ausserdem seien Deine Tattoos hässlich, Du selbst natürlich auch. Er habe ES Frauen schon mit allem Möglichen besorgt. Du aber seist nichts weiter als eine hässliche Person mit der er ES einfach gemacht hätte weil sie eben da war, aber Du seist keine die jemals gut war. „Umso besser dass Du mich heute nicht mehr treffen musstest!“ schriebst Du zurück. „Es sind schon so viele Bilder von mir im Netz. Noch viel, viel wildere als die die Du hast!“ Du hattest keine Angst vor ihm. Aber er, das konntest Du spüren, er hatte grosse Angst vor Dir.

Donnerstag, 21.8.2014 Schweigen, weiterhin. Für immer, denkst Du. Erleichterung. Und auch: Schmerz. Trauer. Schweres Verlustgefühl. Du wolltest ihn so gerne näher kennenlernen. Du wolltest wissen wo er lebt und wie er heißt. Wissen wer er ist. Wie war er als Kind? Wie wurde er zu dem der er heute ist? Dieser Person der Extreme? Woher kommt seine Ungeduld, seine Getriebenheit? Woher sein tiefes Mistrauen? Was hat er gegen Zärtlichkeit? Warum scheint er Tag und Nacht an Sex zu denken? Woher kommt seine überbordende Euphorie, sekundenschnell gefolgt von Langeweile und tiefer Depression? Warum nennt er Dich manchmal „Engel“, „Süsse“, „Traumfrau“, und dann wieder „Schlampe“, „Nutte“, „dreckiges Stück“? Eigentlich ist es nicht Deine Art Menschen zu etikettieren. Du möchtest ihn einfach als jemanden sehen der geheimnisvoll und faszinierend anders ist. Dennoch gibst Du nun ein paar Suchwörter bei Google ein. Und landest schnell bei unschönen Begriffen: Sexsucht. Trauma. Misbrauch. Bindungsangst. PERSÖNLICHKEITSSTÖRUNG.

Freitag, 22.8.2014 7.30h Du schaltest Dein Handy ein wie immer. Jemand hat auf die Mailbox gesprochen. Tatsächlich. O. „Bitte melde Dich! Ciao!“ sagt er. Sonst nichts. Du hörst die Nachricht mehrmals an. Das „Bitte“ ist eigenartig betont. Es klingt flehend, geht Dir nahe. Du verbringst den Tag sehr ruhig. Spät abends aber greifst Du zum Handy und schreibst: „Ich liebe Dich noch immer obwohl ich weiss dass Du sehr gefährlich für mich bist. Du wirkst wie eine Droge auf mich!“ O. schreibt sofort zurück: „Ich bin Dir gegenüber zu weit gegangen und dafür möchte ich mich entschuldigen!“ Du hast ihm längst verziehen. Er verspricht, Dich nie wieder zu erpressen. Schwört, dass er Dich für eine einzigartige, wunderbare Frau hält, die er niemals verlieren will. „Du gibst mir den besten Sex den ich je hatte!!!“ schreibt er. „Ich hoffe dass Du mich nicht so schnell wieder verlässt“ – „Ich bleib bei Dir so lang Du es willst“ textest Du. „Willst Du meine Schlampe sein?“ fragt O. seltsam feierlich. Du antwortest mit „Ja“.

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Into the Dark …

Samstag, 2.8.2014 Wieder bist Du früh am Morgen wach. Dein erster Gedanke gilt O. und seiner überstürzten Abreise aus der Stadt. Du willst ihm schöne Tage wünschen und ihm sagen dass Du Dich auf seine Rückkehr freust. Aber die Sms die Du ihm schreibst, scheint vollkommen ins Leere zu laufen, Du siehst sie förmlich in einem grossen schwarzen Loch verschwinden. Dein Handy fühlt sich tot an, irgendeiner Energie beraubt. Und in Dir breitet sich ein entsetzliches Gefühl der Verlassenheit aus. Er ist weg, gegangen. Unerreichbar, unauffindbar für Dich. Verschwunden für immer. Du bist in eine schreckliche Falle gelaufen. Hast nicht bemerkt als er sich gestern verabschiedete, dass es sein Trick war um Dich loszuwerden, Dich für immer allein zu lassen in dem Leben das Dir ohne ihn vollkommen leer und sinnlos erscheint.  Du fühlst Dich übertölpelt, ausgetrickst, der Lächerlichkeit preisgegeben. Du hast ihn wohl gelangweilt, nach wenigen Tagen, und nun hat er sich unter einem Vorwand davongestohlen. Du schämst Dich wie ein Kind.

Sonntag, 3.8.2014 Er ist also gegangen. Durch die Hintertür aus Deinem Leben geschlichen, genauso schnell und rücksichtslos wie er durch die Vordertür hereingestürmt ist. Du hast Mühe alles zu sortieren was an Gefühlen auf Dich einstürmt. Ihr habt Euch bisher ja nur Eure Vornamen gesagt und keine genaue Wohnadresse. Es schien geheimnisvoll und leicht, nun aber fühlt es sich brutal und grausam für Dich an. Du versuchst zu kämpfen. Er hat Dir gesagt dass er selbständig ist, im Garten- und Landschaftsbau, und in welchem Stadtviertel er wohnt und arbeitet. Also suchst Du im Internet und blätterst im Branchenbuch. Wieder und wieder. Aber leider, Du findest nichts. Es gibt keine Gartenbaufirma die auf O. passen würde. Du versuchst mit Hilfe der Telekom zu ermitteln, welcher Name zu der Handynummer gehört, unter der er Dir geschrieben hat. Kein Ergebnis. Der Besitzer des Handys hat diese Suchfunktion blockiert. Auf der Mailbox des Handys befindet sich auch keine persönliche Ansage. Du stehst mit leeren Händen da.

Montag, 4.8.2014 Du versuchst in Deinen Alltag zurückzukehren. Schließlich bist Du eine verheiratete Frau und hast einen Sohn im Teenageralter, der Deine Aufmerksamkeit braucht. Und die Sommerferien haben begonnen, normalerweise eine entspannte, schöne Zeit für Dich und ihn. Du unternimmst mit ihm zusammen eine kleine Fahrradtour. Sein fröhliches Geplauder während er neben Dir herfährt tut Dir gut und lenkt Dich ab. Aber auf Eurem Weg nach Hause müsst Ihr die Stelle passieren an der O. Dich vor elf Tagen ansprach. Schon hundert Meter davor befällt Dich eine schreckliche Beklemmung. Deine Hände werden feucht, Dein Herz rast, Du krümmst Dich über Deinem Fahrrad. Mit eingezogenem Kopf, ohne hinsehen zu können, fährst Du an der Marmorwand vorbei. Atmest auf als Du im Park dahinter ankommst. Und spürst: O. hat Dich im Innersten getroffen. Dies war kein harmloses Sommerabenteuer. Es war ein Angriff, ein Attentat, auf Deine Seele genauso wie auf Deinen Körper. Dieser Mann ist sehr gefährlich für Dich.

Dienstag, 5.8.2014 Du frühstückst. Immerhin hast Du nun Zeit nachzudenken, Zeit, Deine Erlebnisse Revue passieren zu lassen und Mosaiksteine zusammenzusetzen. Diese vermeintlich so perfekte erotische Begegnung am 25. Juli, hatte sie nicht ein paar Schönheitsfehler? Du erinnerst Dich an Eure Gespräche im Auto während der Fahrt zur alten Villa. Charmant und locker war der Ton, Du fühltest Dich sehr wohl. Bloß schaute O. Dir während der Gespräche niemals ins Gesicht, sondern ließ nur ständig seine Blicke über Deinen Körper streifen. Einmal schob er unterm Fahren Deine Beine auseinander, mit einer harten, ungeduldigen, lieblosen Handbewegung. Unmittelbar nach dem Sex dann hattest Du Dich in seinen Arm kuscheln wollen. Unter vielen Küssen versuchtest Du zu sagen, dass Du noch nie beim ersten Mal mit einem Mann zum Orgasmus gekommen seist, so wie mit ihm gerade eben. Er aber schob Dich einfach von sich weg und sagte es sei zu riskant noch länger hierzubleiben und allerhöchste Zeit das Haus zu verlassen.

Dann die Rückfahrt im Auto. Wieder hattet Ihr entspannt geplaudert. Alles war gut. Aber als Du sagtest Ihr könntet Euch ja auch mal irgendwo zum Baden treffen, jetzt im Sommer, da hatte er Dich entsetzt, fast panisch angeschaut, als könne er sich nichts Absurderes vorstellen als mit Dir gemeinsam in einem See zu schwimmen. Verlegen lachend warst Du über die Peinlichkeit hinweg gegangen. Im Autoradio war Alternative Rock der 90er Jahre einprogrammiert, Pearl Jam, Nirvana, sogar REM. Aber so sehr Du genau diese Musik auch liebst, so wenig konntest Du mit ihm darüber sprechen, seltsamerweise. Und dann war Dir noch aufgefallen dass es keinerlei persönliche Gegenstände in dem Auto gab, die auf irgendeine Vorliebe, ein Hobby oder eine Beschäftigung hätten schließen lassen. Kein Maskottchen, kein Buch, kein Zettel, nichts. Auch sein Handy, auf dem er Dir so viel geschrieben hatte, war nirgendwo zu sehen. Das Auto war leergeräumt,  jeglicher Identität beraubt, es hatte keinerlei Wiedererkennungswert, und Du fragtest Dich warum.

Donnerstag, 7.8.2014 Du bist an einem mentalen Tiefpunkt. So sehr Du auch versuchst, Dich mit der Endgültigkeit der Lage abzufinden, so sehr Du Dich bemühst, den Blick nach vorne zu richten, etwas in Deinem Innneren sträubt sich mit aller Kraft dagegen. Du schreibst noch einmal eine Sms, anzüglich, provozierend, voller sexueller Angebote. Sie verschwindet im Nichts. Stunden später. Du brichst innerlich völlig zusammen. Tippst O.s Handynummer, sprichst auf die Mailbox, flehend, verzweifelt, unterwürfig. Redest davon, dass Du doch wenigstens eine Erklärung verdient hast und ähnliches dummes Zeug. Wiederum nichts. Alles was Du tust verschwindet in dieser absoluten Stille, die sich auch in Deinem Haus um Dich herum ausbreitet und jedes Geräusch zu schlucken oder mindestens zu dämpfen scheint. Wie durch einen Wattenebel bist Du von allem Anderen abgetrennt. Und O.s Verschwinden scheint auch all Deine anderen Freunde und Bekannten mit sich genommen zu haben. Niemand meldet sich. Niemand chattet mit Dir. Du bist allein.

Freitag, 8.8.2014 Spätnachmittag. Du bist ein wenig ruhiger heute. „Ok, er ist weg“, denkst Du. Es hätte eine tolle Zeit werden können mit Euch beiden. Selbst schuld wenn er sie nicht erleben will. Da piept Dein Handy. Tatsächlich. Es ist O. „Hi Babe“, schreibt er, „willst es wieder machen?“ – „Heute nicht“ antwortest Du, während Dein Herzschlag für Sekunden aussetzt. „Dann schick mir Bilder!!“ fordert er. Wie ferngesteuert gehst Du ins Schlafzimmer und machst zwei Selfies für ihn. „Oh Babe, ich muss es heute noch mit Dir machen!! Deine Bilder sind schuld!!!“ schreibt er. 22h. Du stehst am gleichen Treffpunkt wie vor zwei Wochen. O. kommt mit dem Auto, nachlässig gekleidet in Shirt und Jogginghose. Mit ausdruckslosem Gesicht starrt er auf Deine Beine während Du einsteigst. Ein weisses Laken ist über den Beifahrersitz gebreitet. O. gibt keine Erklärungen ab. „Wir fahren jetzt schnell zur Garage von einem Freund“ sagt er, mehr nicht. Er bringt Dich zu einem ganz neu gebauten Stadthaus in einer ruhigen Seitenstrasse. Geräuschlos öffnet und schliesst sich ein vollautomatisches Garagentor. Du bist gefangen. O. legt seine Basecap ab und Du schlüpfst aus Deiner Jeans. „So, komm her Du Drecksau!“ sagt er und quetscht Deine Brüste mehrmals mit seinen großen Händen. Es tut sehr weh. „Du brauchst das!“ sagt er, während er die Jogginghose nur ein kleines Stück herunter zieht, sich in die rechte Innenhandfläche spuckt und mit einer provozierend langsamen Bewegung seinen Schwanz damit anfeuchtet. Du rutschst ihm auf dem Beifahrersitz entgegen und er kniet sich vor Dich und dringt hart und rücksichtslos in Dich ein. Während er zustösst krallt er eine Hand in Deine kurzen Haare und reisst Dir den Hinterkopf in den Nacken. Er küsst Dich so, dass Du seine sehr scharfen Zähne an Deiner  Zunge spürst. Deine Oberlippe platzt ein wenig auf. O. kniet sich nun rittlings vor Dich, so dass Du seine Handbewegungen gut sehen kannst. Unter verächtlichem Stöhnen besorgt er es sich selber und spritzt auf das Tattoo unter Deinem Bauchnabel. „Da, Schlampe“ sagt er und reicht Dir ein Papiertaschentuch. Wortlos bringt er Dich danach zum Treffpunkt zurück. Im Sonnenschutzspiegel siehst Du, dass Du blass und abgekämpft aussiehst und Deine Lippe blutet. „Also Kleine, steig aus, ich muss jetzt schlafen!“  sagt er zum Abschied. „Aber ich schreib Dir nachher noch was Liebes“. „Ciao“ sagst Du nur und machst die Autotür hinter Dir zu. Kurz bevor Du bei Dir daheim die Haustür aufsperrst bekommst Du eine Sms: „Das war heute unsere letzte Nummer, ich kann das nicht mehr dass ich meine Freundin mit Dir betrüge!!“ schreibt O. „Oh cool, dann bin ich froh dass wir es heute wenigstens nochmal hatten!“ antwortest Du. Und gehst erschöpft zu Bett.

Samstag, 9.8.2014 Vormittag. Du bist definitv NICHT Scarlett O` Hara, die nach der Vergewaltigung durch Rhett am nächsten Morgen taufrisch und belebt erwacht. Du fühlst Dich sandgestrahlt und zerschlagen. Erst gegen Abend kommst Du auf die Beine. Von O.? Natürlich nichts. Er hat ja mit Dir Schluss gemacht …

Sonntag, 10.8.2014 Spätnachmittag. Du suchst Entspannung in der Sauna. Im Freiluftbereich hast Du Dein Handy neben Dir. Es piept. „Was machst Du heute?“ fragt O. „Chillen!“ antwortest Du. „Mich von den Verletzungen erholen, die der Sex mit Dir hinterlassen hat!“ – „Schade!“ schreibt er. „Ich hätte Dich sonst gern gefickt!“

Montag, 11.8.2014 Alles ist ruhig. Nichts von O. Erneut versuchst Du, Deine Gedanken ein wenig zu ordnen. Er ist also zurück gekommen, zurück in Dein Leben. Darüber bist Du sehr, sehr froh, ja, es ist im Moment sogar das Allerwichtigste für Dich. Was aber stellt er seit seiner Rückkehr in Deinem Leben an? Hatte er nicht sein Herz prüfen, die Tiefe seiner Gefühle zu Dir ausloten wollen? Dir mitteilen wohin Eure Verbindung führen soll? Nichts dergleichen ist passiert. Und Du hast auch nichts Näheres über ihn erfahren. Nur körperliche Schmerzen hat er Dir nun tatsächlich zugefügt. So wie er es plante, bevor er so rätselhaft verschwand.

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butterflyprincess
Literaturwissenschaftlerin

Out of the Blue …

Mittwoch, 23.7.2014, 14h. Es ist ein sonniger Nachmittag im Süden Deiner Stadt. Du bist unterwegs auf Deinem hellblauen Nostalgie-Fahrrad zur Schule Deines Sohnes. Du trägst Jeans, Sandalen und das blassrosa Empire-Top, in dem Du Dich so mädchenhaft und verletzlich fühlst. Die Rückenschleife aus braunem Rips flattert im Wind. Dein Handy piept. Sms. Du steigst ab und kauerst Dich in den Schatten der Hausfassade vor Dir um das Display zu lesen. Plötzlich ist jemand hinter Dir. Ein junger, kahlgeschorener, kräftiger Mann. Mit einem pechschwarzen Trekking-Rad. In blendend weißer Radsportkleidung. Er hat klare, schön geschnittene Gesichtszüge und streift Dich mit einem kühlen Blick aus grauen Augen. Er will mit Dir Kaffeetrinken, sagt er, in weicher, regionaler Sprachfärbung. Und verlangt Deine Handynummer. Du fühlst Dich auf eigenartige Weise gebannt. Und gibst sie ihm. Zwei Stunden später. Du bist wieder zu Hause. Er schreibt. Dein Empire-Top hat ihm gefallen, Dein tätowierter Rücken. „Du hast das gewisse Etwas, Babe!!!“ schreibt er und dass er Dich am Liebsten sofort jetzt treffen und ES mit Dir tun will. Er stellt Dir eigenartige Fragen. Ob Du Dir die Fingernägel lackierst. Ob Du erotische Dessous hast. Vor allem Catsuits. Nein, antwortest Du. Schließlich befiehlt er Dir, Dich in Dein Bett zu setzen und es Dir selbst zu machen. Du gehorchst, zu Deinem eigenen Erstaunen. Kommst heftig. Und weisst: Alles ist plötzlich anders als es gerade noch war.

Donnerstag, 24.7.2014 Vormittag. Dein neuer Bekannter schreibt. Er ist in der Stadt unterwegs und fragt nach Deiner Kleidergröße, um einen Rock und eine weisse Bluse für Dich zu kaufen. „Ich will schließlich dass Du geil ausschaust wenn ich es zum ersten Mal mit Dir mache!!! schreibt er. Du antwortest, dass Du ein schönes weites Sommerkleid hast, das sehr geeignet wäre für eine Nummer im Auto, so wie er sie momentan mit Dir plant. „Na gut, dann kaufe ich Dir eben nichts!“ schreibt er, spürbar enttäuscht. Wenige Minuten später jedoch voller Begeisterung: „Oh Babe, könntest Du dann morgen bitte gleich im Auto Dein Kleid hochtun damit ich Deine schönen Brüste berühren kann?“ Nachmittag. Weitere Fragen. Ob Du bereit bist es ohne Gummi mit ihm zu machen? Ob er auch IN Dir kommen darf? „Nicht so gern“ antwortest Du. „Oh Babe!!!“ schreibt er zurück, „Ich bin aber garantiert clean und Du doch auch!!“ Abend. Er plant, ES im leerstehenden Haus eines Freundes im Westen der Stadt mit Dir zu machen. „Ich will Dich endlich ficken!!!“ schreibt er. „Ich werde ganz vorsichtig in Dich eindringen und das wird ein unglaubliches Erlebnis für mich!!“ – „Ok!“ antwortest Du und gehst erschöpft zu Bett …

Freitag, 25.7.2014 10h. O. und Du seid verabredet in der Nähe einer U-Bahnstation im Südwesten der Stadt. Nur zehn Minuten von Deinem Zuhause entfernt. Ihr seid beide pünktlich. O. trägt weisse Chucks, hellbeige Bermudas und begrüßt Dich mit einem fordernden Kuss. Er schmeckt nach einem sehr starken Kaugummi und riecht nach einem erlesenen Herrenparfum. Mit einer Art Polizeigriff führt er Dich zu einem metallicbraunen Geländewagen und schubst Dich hinein. In der alten Villa geht alles sehr schnell. Schon im Treppenhaus fallt Ihr übereinander her. Er reisst Dir Dein Top herunter. Halbnackt schiebt er Dich nach oben, zu einem Klappbett in einem leeren Zimmer. O. beisst und leckt Deine Titten und küsst Dich zwischen den Beinen. Mit aller Kraft stemmst Du Dich gegen seine Zunge und kommst nach wenigen Sekunden. Dann zwingt er Deine Beine auseinander und dringt mit seinem sehr grossen, vorn gekrümmten Schwanz in Dich ein. Er stösst mehrmals heftig zu. Heftiger als alle Männer die Du vor ihm kanntest. Plötzlich aber hält er inne, steht auf und verlässt den Raum. Ein Geräusch hat ihn irritiert. Nach seltsam langgedehnten Minuten kehrt er wortlos zurück, kniet sich von hinten auf Dich, macht es sich mit wenigen Handbewegungen selber und spritzt stöhnend auf Deinen Rücken.

Samstag, 26.7.2014 Du erwachst früh, Bilder vor Augen. Der helle Körper. Genauso groß wie Du, aber muskulös und perfekt trainiert. Das Oberarmtattoo, ein Armreif mit Haken. Der kahlrasierte, schön geformte Hinterkopf. Die langen Wimpern, die umschatteten Augen. Der blasse Mund. Die schmerzverzerrt klingende Stimme die Dinge sagte wie „Ja, gibs mir, Du Drecksau!“ Gestern Abend schrieb er noch. Dass es wunderschön war und Du gut schlafen sollst. Du könntest nicht glücklicher sein. Früher Abend. Wetterwechsel. O. schreibt. Aber die Stimmung hat sich geändert. Er war offensichtlich nicht zufrieden mit der Begegnung von gestern. Fast so als ob er auf einem anderen Date gewesen wäre als Du. Du hättest ihn „nichts machen“ lassen, schreibt er, und Einiges von dem, was Du im Auto über Dich erzählt hast, käme ihm erfunden vor. Du versuchst die Misverständnisse zu klären. Umsonst. „Ich denke es ist besser wenn wir uns nicht wiedersehen!!“ textet er. Zutiefst getroffen formulierst Du eine Abschieds-Sms. Sie bleibt ohne Antwort. Geschockt gehst Du zu Bett.

Sonntag, 27.7.2014 Du verbringst eine unruhige Nacht. Kämpfst mit wilden, widerstreitenden Gefühlen. Hier noch Reste der Euphorie über das Sex-Abenteuer vom Freitag, die erotischste, aufregendste Begegnung Deines Lebens die es zweifellos war. Dort die Sehnsucht nach dem Körper, der Stimme, der Person, die Dich so im Sturm erobert, so gefangen genommen und gefesselt hat wie nie jemand zuvor. Und da der Schmerz über die kalte Ablehnung, ja Verachtung, die Dir plötzlich von seiner Seite so brutal entgegenschlug. Nie hat jemand Dich so absolut gewollt, so vollkommen begehrt wie er – aber auch nie hat jemand Dich so fallen gelassen. Innerhalb von drei Tagen. Es schüttelt Dich, Du frierst. Frühmorgens. Dein Handy piept. Ungläubig starrst Du drauf.  „Willst dass ich Dich nochmal ficke?“ schreibt er. „Ja!!“ antwortest Du, ohne auch nur eine Sekunde zu überlegen. Und so beginnt sie, Deine Sucht.

Montag, 28.7.2014 Du bist glücklich über O.s Sinneswandel. Was immer auch ihn dazu gebracht hat, Dich so kurz nach Eurem aufregenden Zusammensein  beinahe zu verstossen – Du bist entschlossen, ihm nie wieder Grund zu geben an Dir, Deiner Ehrlichkeit, der Tiefe Deiner Gefühle zu zweifeln. Er soll spüren dass Du seines Vertrauens würdig bist. Und so beantwortest Du all die vielen Fragen, die er Dir auch heute wieder per Sms stellt, sehr ausführlich, detailliert und wahrheitsgetreu, fast so, als ob Du Dich im Kreuzverhör eines amerikanischen Gerichts befändest. Er möchte alles von Dir wissen. Mit wie vielen Männern hast Du bisher in Deinem Leben geschlafen? Wie oft, auf welche Weise? Wie haben sie ausgesehen, wie groß war ihr Schwanz und was haben sie alles mit Dir machen dürfen? Hast Du auch mal mit mehreren gleichzeitig? Wie bist Du am Besten zum Orgasmus gekommen? Durch Lecken, Reiten oder durch was sonst? „Schreib es mir, Babe!“ fordert er, schreib es ganz genau!! Ich weiss ja eh dass Du eine Nutte bist!!“

Dienstag, 29.7.2014 Die Befragungen gehen weiter. Heute möchte O. wissen wozu Du mit ihm bereit wärst, wie weit er mit Dir gehen könnte, sexuell. Ob Du bereit wärst, Dich fesseln, knebeln oder schlagen zu lassen? Ob er Dich filmen darf, während Du es Dir selbst machst? Ob Du ES mit einem anderen Mann tun würdest, während er zuschaut? Vielleicht sogar mit mehreren?  Ja, er habe einige Freunde, die sofort bei so etwas mitmachen würden, schreibt er. „Und sie würden Dir mit Sicherheit auch jeder 60 Euro geben!!“ Die Fragen quälen Dich, sie tun Dir weh, die letzte ganz besonders. Du wünschst Dir ja eigentlich nichts sehnlicher, als ihn wiederzusehen, Dich an ihn zu klammern, während er tief, tief in Dir drinnen kommt. Ein neues Date, so wie das Erste war. Um das zu erreichen, beantwortest Du all seine Fragen mit „Ja“. „Oh Babe“, schreibt er, „sowas wie Dich hab ich schon lange gesucht!! Du wirst mein Sex-Spielzeug sein!! Ich werde Dir weh tun und Dich erniedrigen dass Du Deine wahre Freude dran hast!!!“.

Mittwoch, 30.7.2014 Vormittags keine Nachricht von O. Die Stille fühlt sich sehr ungewohnt an. Einerseits bist Du dankbar für eine kleine Atempause, eine Chance zum Nachdenken. Andererseits machen sich Unsicherheit und Verlustangst breit. Hast Du ihm etwas Verletzendes geschrieben? Ist er enttäuscht von Dir? Begehrt er Dich nicht mehr,  jetzt wo er so viel von Dir weiss? Die Fragen kreisen unaufhörlich in Deinem Kopf, verhindern Erholung und klares Denken. Du willst ihn nicht verlieren … Nachmittag. Lastende Schwüle. Diffuses, schmutziges Licht. Du bist müde. Alles in Dir und um Dich herum fühlt sich leer und bedeutungslos an, auf eine Art, die Du bisher nicht kanntest. Du versucht Dich an den Gedanken zu gewöhnen dass es einfach ein verrückter Sommer-ONS war, nicht mehr, nicht weniger. Da piept Dein Handy.  „Schick mir ein Bild von Deinem Gesicht!!“ schreibt O. „Ich will es mir heute noch machen und Dein Gesicht dabei anschauen!“ Du gehorchst. Antwort kommt keine mehr zurück.

Donnerstag, 31.7.2014 O. meldet sich am Vormittag. Teilt mit, dass er Dich morgen gegen 10h treffen möchte. Du freust Dich, obwohl die Sms in sehr kühlem Ton gehalten ist. Bestimmt wird alles gut wenn Ihr Euch wiederseht und direkt miteinander sprechen könnt, denkst Du. Am Nachmittag kommt unvermutet ein einzelnder Satz: „Du musst wissen dass ich Gefühle für Dich habe!!!“ schreibt er. „Das ist doch schön, ich für Dich auch!“ antwortest Du. Schweigen. Abends. O. entwirft verschiedene Szenarien für gemeinsame „Ficks“. Es ist ihm wichtig Dein Stöhnen zu hören und zu sehen wie es Dir kommt, während er Dich nimmt. Du versprichst, dass Du ihm nichts vorenthalten wirst. Aber das genügt ihm nicht. Du bietest ihm an ES Dir irgendwann mal vor seinen Augen mit Deinem Glasdildo zu besorgen. Die Idee gefällt ihm. „Mach es jetzt gleich und schick mir Bilder davon, Baby!!“ schreibt er. „Ich will es sehen!!“ Dazu seist Du jetzt aber nicht bereit, antwortest Du. Und er? „Babe, wenn schon das zuviel für Dich ist dann musst Du es mit mir beenden!! Ich kann keine Schlampe brauchen die zickt!!!“

Freitag, 1.8.2014 Regenwetter. Du erwachst früh, nervös und beklommen. Du versuchst Dir vorzustellen wie es sein wird, wenn Du O. in zwei Stunden wiedersiehst, ihn, den Mann der Dich nun seit Tagen in Atem hält, fordert und beschäftigt wie keiner zuvor. Du hast Mühe seine Gesichtszüge genau zu erinnern. Gut dass Du ihn gleich treffen wirst! Da piept Dein Handy. „Ich komm nicht rechtzeitig von der Arbeit weg!“ schreibt er. Sonst nichts. Du sinkst in Dich zusammen. Enttäuschung mischt sich mit einer gewissen Erleichterung. Abend: O. schreibt. Er wird für ein paar Tage verreisen, teilt er Dir in kühlen Worten mit. Dann, im Nachsatz: „Der Grund warum ich fahre bist Du!! Bin dabei mich total in Dich zu verlieben, drehe durch!!!“ – „Bitte tu es mir nicht an dass ich Dich niemals wiedersehe!“ schreibst Du, während sich etwas in Dir zusammenkrampft. „Das werde ich nicht tun!“ antwortet er. „Mit Dir machen will ich es noch ganz ganz oft! Aber ich muss erst mein Herz prüfen wie tief meine Gefühle für Dich wirklich sind!!!“

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